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25.06.2021
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DER DIGITALISIERUNGSNOTSTAND KOSTET MENSCHENLEBEN

Warum die Softskills von gestern die Hardskills von morgen sind

Kai Gondlach - Zukunftsforscher, Keynote Speaker und Autor

Kai Gondlach - Zukunftsforscher, Keynote Speaker und Autor [Quelle: kaigondlach.de]


Zukunftsforscher Kai Gondlach erwartet nach der Bundestagswahl ein Digitalisierungsministerium. Der Keynote Speaker und Autor mahnt ganz dringend eine Umschulungsrevolution ganzer Generationen von Angestellten und Führungskräften an.


Die Corona-Pandemie hat in vielen Bereichen einen Digitalisierungsschub ausgelöst. Wie nachhaltig sind solche Prozesse nach einem möglichen Ende der Pandemie?  
Genauso nachhaltig wie der Grad, zu dem sich die Verantwortlichen ernsthaft mit dem Kern von Digitalisierung auseinandergesetzt haben. Also sehr unterschiedlich. Digitalisierung bedeutet mehr als einzelne Maßnahmen, sondern vor allem ein agiles Mindset. In der virtuellen Welt und bei digitalen Geschäftsmodellen gibt es kaum Grenzen, in der Denkweise der meisten Entscheider*innen schon, und die gilt es zu sprengen. Homeoffice haben viele nur eingeführt, weil sie sonst wirtschaftlich nicht überlebt und keine Berechtigung für attraktive Kurzarbeitergeldregelungen gehabt hätten.

Dennoch bleiben die grundlegenden Rahmenbedingungen von Organisationen genauso starr wie zuvor: Feste Arbeitszeiten, regelmäßige Reportings an die nächsthöhere Ebene, Taylorismus in reinster Form. Darin steckt für mich immer noch das Misstrauen in die Fähigkeiten und die Kreativität der Angestellten sowie ein antiquiertes Verständnis von Aufbauorganisation und Kommunikation. Das lässt sich nicht durch ein paar Maßnahmen und Investitionen wettmachen. Der Digitalisierungsnotstand kostet Menschenleben, das hat die Pandemie einmal mehr gezeigt. Also müssen Unternehmen und Behörden die angeschobenen Digitalisierungsprozesse im neuen Jahr erst recht verfolgen und untermauern. Dazu gehört auch ein Digitalisierungsministerium, welches ich nach der nächsten Bundestagswahl erwarte.

Im kommenden Jahr will die EU Regularien für KI beschließen. Welche Auswirkungen könnte das haben?
Ich hoffe auf umfangreiche und einfach zugängliche Förderprogramme für Unternehmen und Initiativen, vor allem im Bildungsbereich. Wir brauchen ganz dringend eine Umschulungsrevolution ganzer Generationen von Angestellten und Führungskräften. Dazu gehört auch eine Grundbildung in den wichtigsten technischen Feldern, vor allem aber die Erkenntnis, dass die Softskills von gestern die Hardskills von morgen sind. Dazu gehören vor allem Resilienz, Kreativität, Teamfähigkeit, Toleranz, Agilität. Dass Informatik immer noch kein Pflichtfach ist, macht mich wütend.

Regulation ist wichtig, um Investitionssicherheit zu bieten. Außerdem erwarte ich von der Kommission ein klares Bekenntnis zum Green New Deal, in dessen Rahmen auch die Hightech-Investitionen für grüne Energie und die Verkehrswende politisch avisiert werden müssen. Wenn die EU kein zahnloser Tiger werden, sondern als Wirtschaftsraum von den USA und China insbesondere in KI-Fragen ernstgenommen werden will, brauchen wir ambitionierte Ansagen aus Brüssel.

Die Versorgung mit 5G soll sich in der nächsten Zeit stark verbessern. Welche Chancen ergeben sich daraus?
5G ist überflüssig und primär ein Marketing-Coup der Telko-Unternehmen. Auch die Behauptung, dass 5G notwendige Bedingung für das autonome Fahren sei, ist längst widerlegt. Viel wichtiger als 5G wäre eine flächendeckende Versorgung mit 4G und Glasfaserleitungen in ländlichen Räumen, um die kritische Infrastruktur insbesondere im Energie- und Gesundheitsumfeld endlich fit fürs 21. Jahrhundert zu machen.

Von 5G profitieren vor allem Unternehmen, die daran verdienen, dass Menschen unterwegs Videos und Social Media streamen. In der Internetgeschwindigkeit wird der Otto-Normalverbraucher dabei genau gar keinen Effekt durch 5G merken, solange er nicht mit einer Virtual Reality-Brille im Zug League of Legends zockt, während auf dem Nachbarsitz jemand Youtube-Videos hochlädt. Zudem braucht doch niemand 16k-Videos auf einem 6- bis 13-Zoll-Display.

Kurz: 2021 erwarte ich keine nennenswerte Veränderung. Viel spannender finde ich Initiativen wie Starlink oder OneWeb, die die ganze Welt mit Satellitennetz versorgen werden. Damit wird die Grundidee des Internet immer greifbarer, nämlich Zugang zu Informationen, Kommunikation, Märkten für alle.

Welche Trends sind für Sie daneben die wichtigsten für das Jahr 2021?
Die Bändigung von Verschwörungsmythen und die Rettung der Umwelt. Zum ersten: es ist erstaunlich, wie viel schwachsinniges Potenzial die Corona-Pandemie freigesetzt hat. Da sind auf der einen Seite berechtigte Ängste, rationale Kritik an mehr oder weniger parlamentarischen Entscheidungsmechanismen und Skepsis gegenüber der schnellen Herstellung eines Impfstoffs. Auf der anderen Seite wurde schnell deutlich, dass zu viele Menschen in der Lage sind, ihre wirren bis gefährlichen Ideologien ins Netz zu stellen und dann auch noch Anhänger dafür zu finden. Ich bin immer wieder erschüttert, wenn ich mir die verklärte Arroganz vieler Querdenker ansehe. Aber zurück ins große Bild. Uns bleiben nach konservativen Prognosen noch gut drei Jahre, um alles in Gang zu setzen, dass nachfolgende Generationen auf diesem Planeten leben können. Jede*r kann und muss etwas dazu beitragen. Die einfachsten Wege dahin sind weniger Konsum, weniger Fleischverzehr und weniger konventionelle Mobilität. Das klingt nach Verzicht, ist aber inzwischen in allen Dimensionen vor allem auch besser für die Gesundheit und den Geldbeutel.