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27.01.2022
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BARRIEREN IN ALLEN LEBENSBEREICHEN ABBAUEN

Menschen mit Behinderungen müssen selbst gehört werden

Christine Braunert-Rümenapf, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung Berlin

Christine Braunert-Rümenapf, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung Berlin [Quelle: LfB]


Beeinträchtigungen können mit Technik nicht irgendwie „wegtherapiert“ werden, sagt Christine Braunert-Rümenapf, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung in Berlin. Sie vertritt eine klare Meinung zu dem, was Technik unter welchen Voraussetzungen kann und was eine gelingende Inklusion tatsächlich ausmacht.


Was bedeutet für Menschen mit einer körperlichen, sozialen oder geistigen Einschränkung gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben?
Gleichberechtigte Teilhabe bedeutet in meinem Verständnis, dass Menschen mit Behinderungen den gleichen Zugang zu Menschenrechten, Grundfreiheiten und materiellen und sozialen Ressourcen haben wie Menschen ohne Behinderungen auch. Ganz konkret geht es beispielsweise um die gleichen Chancen auf Bildung, Arbeit, Einkommen, Wohnen, Gesundheit und auch soziale Kontakte. Hierfür ist es zum einen erforderlich, dass Barrieren in allen Lebensbereichen abgebaut werden und zum anderen, dass die individuell benötigte Unterstützung zur Verfügung steht. Dazu zählt natürlich auch der Zugang zu technischer Ausstattung und technischen Geräten, die gezielt Menschen mit Behinderungen unterstützen können. Zur gleichberechtigten Teilhabe gehört aber auch das Wunsch- und Wahlrecht, das heißt Menschen müssen selbst entscheiden können, welche Technologien sie nutzen möchten. Das gilt insbesondere, wenn es um den Einsatz von Robotik-Technologien wie beispielsweise Roboter mit sozio-emotionalen Funktionen geht.


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Sind technische Neuerungen der Königsweg in Sachen Teilhabe? Oder können sich technische Lösungen auch als Inklusionshindernis erweisen?
Meines Erachtens kann nicht der eine Königsweg benannt werden. Dafür sind die Lebenssituationen aber auch die Beeinträchtigungen von Menschen mit Behinderungen zu unterschiedlich. Unterstützungsbedarfe können hier ganz unterschiedlich ausgeprägt sein, in einem Fall mag es technische Lösungen geben, die mehr Teilhabe ermöglichen, in einem anderen hingegen geht dies nur über persönliche Assistenz. Oft ist es eine Mischung aus ganz unterschiedlichen Dingen und Technik spielt sicher auch eine immer größere Rolle. Selbstverständlich kann Technik aber auch eine Barriere darstellen, das haben wir im Zuge der Corona-Pandemie und der dadurch fortschreitenden Digitalisierung ganz deutlich bemerkt: So sind zum Beispiel nicht alle der genutzten Videokonferenzsoftware-Lösungen gleich gut barrierefrei und es gab auch Konflikte zwischen Datenschutzinteressen und der Barrierefreiheit der Lösungen. Ein weiterer Aspekt ist aber auch, dass nicht alle Menschen mit Behinderungen gleich guten Zugang zu technischen Lösungen haben, gerade für Menschen, die zum Beispiel in Einrichtungen wohnen, fehlt es oft an einer passenden Internetverbindung oder aber an der Ausstattung mit Rechnern und anderen Geräten. Auch die Vermittlung von Kompetenzen zum angemessenen Umgang mit der Technik beeinflusst die damit verbundenen Möglichkeiten und auch Barrieren. Auch Regelungen zur Kostenübernahme spielen eine wichtige Rolle. Ein weiterer Aspekt ist die Privatsphäre zum Beispiel beim Einsatz von Smart-Home Technologien, die die persönliche Sicherheit soweit erhöhen können, dass Menschen trotz eines bestimmten Unterstützungsbedarfs in der eigenen Wohnung bleiben können, die aber mit ihren Sensortechniken auch deutlich in die Privatsphäre eingreifen.  

Was kann getan werden, dass es in diesem Bereich mehr Innovationen gibt?
Ich denke, dass – ähnlich wie in anderen Zusammenhängen auch ­­– es zum einen wichtig ist, in Ausbildung und Studium konsequent auch die Themen Barrierefreiheit und Disability Mainstreaming zu berücksichtigen. Wenn diesbezüglich Grundlagenwissen vorhanden ist, dann werden die Belange von Menschen mit Behinderungen insgesamt auch eher berücksichtigt. Darüber hinaus ist es unabdingbar, Menschen mit Behinderungen und ihre Interessenvertretungen an der Vergabe von Mitteln der Forschungsförderung zu beteiligen, so dass Projekte, die sich mit technischen Innovationen zur Überwindung von Barrieren befassen, vielleicht auch eher gefördert und berücksichtigt werden. Als dritte Möglichkeit sehe ich die gezielte Mittelvergabe, um entsprechende Projekte zu fördern, etwa indem ein Sonderforschungsprogramm oder ähnliches aufgelegt wird. 

Wie lässt sich das Zusammenspiel von neuer Technik und gesellschaftlicher Akzeptanz in Sachen Inklusion/Teilhabe optimal organisieren?
Neue technische Errungenschaften müssen, dazu haben sich ja weltweit fast alle Staaten mit der nationalen Anerkennung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, von Beginn an barrierefrei sein. Bislang ist dies leider häufig nicht der Fall. Das ist für mich der eine Aspekt im Hinblick auf neue Technik. Der andere Aspekt, nämlich, dass neue Technik auch dazu beitragen kann, Barrieren zu reduzieren und individuelle Teilhabe zu ermöglichen, ist sicherlich auch wichtig. Es ist für mich aber zentral, dass im gesellschaftlichen Diskurs hier nicht vorschnell der Schluss gezogen wird, dass Beeinträchtigungen mit Technik irgendwie „wegtherapiert“ werden können und daher keine besonderen gesellschaftlichen Anstrengungen zur Akzeptanz von Vielfalt oder zur Verwirklichung der Menschenrechte von Menschen mit Behinderungen mehr notwendig sind. Auch ersetzen Apps, etwa im Bereich der Mobilität, nicht die Bedeutung der Reduktion von physischen Barrieren. Hier ein Gleichgewicht zwischen allen Punkten herzustellen, das ist nicht einfach. Menschen mit Behinderungen müssen daher selbst im Diskurs gehört werden und auch verschiedene Positionierungen dazu berücksichtigt werden.