MEINUNGSBAROMETER.INFO

DIGITALISIERUNG

DAS FACHDEBATTENPORTAL

Für Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Medien & Gesellschaft


schliessen

Bitte hier einloggen:

Login

Passwort vergessen?
 
18.06.2019
Kopieren und anderweitige Vervielfältigungen sind nicht erlaubt.

ARBEITSRECHT MUSS FÜR ALLE GLEICH SEIN

Über die Vor- und Nachteile im Home Office - und was daraus folgt

Peter Weiß MdB, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Arbeit und Soziales der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Peter Weiß MdB, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Arbeit und Soziales der CDU/CSU-Bundestagsfraktion [Quelle: Claudia Thoma Fotografie ]


Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist "gegen einen gesetzlich geregelten Anspruch auf Home-Office", betont Peter Weiß MdB, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Arbeit und Soziales der Unionsfraktion. Denn er würde in entsprechenden Vorschriften ein Gerechtigkeitsdefizit sehen.


Die Zahl der Unternehmen, die ihren Mitarbeitern Arbeit im Home-Office erlauben, ist stark angestiegen. Worin liegen die Vorteile der Heimarbeit für Unternehmen und Beschäftigte?
Wie Sie richtigerweise feststellen, gibt es eine steigende Tendenz zur Nutzung von Home-Office. Aktuelle Studien besagen, dass Home-Office für maximal 40 Prozent der Beschäftigten in Betracht käme. Das bedeutet aber, dass es für 60 Prozent - also die überwiegende Anzahl der Beschäftigten - nicht in Betracht kommt. Vor diesem Hintergrund scheint mir Ihre Fragestellung, die sich lediglich auf die Vorteile der Heimarbeit für Unternehmen und Beschäftigte bezieht, etwas einseitig. Wie alles im Leben, hat eine Medaille zwei Seiten: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Daher werde ich auf beide Facetten von Home-Office eingehen, auf die Vor- und die Nachteile:

Klar ist, beide Seiten - Unternehmen und Mitarbeiter - können von Home-Office-Arbeiten profitieren. Allerdings müssen wir hier schon Einschränkungen machen, da es nicht für jeden Arbeitgeber sinnvoll ist, Home-Office anzubieten. In IT-lastigen Wirtschaftszweigen kann es zum Beispiel für den Arbeitgeber möglich sein, Arbeiten von zu Hause ausführen zu lassen. Er kann dann Kosten für die Büroausstattung sparen und Büros zur Mehrfachnutzung zur Verfügung stellen; dadurch spart er Fixkosten. Die Gewährung von Home-Office schafft zudem in der Belegschaft ein höheres Maß an Zufriedenheit und kann so die Motivation der Beschäftigten fördern. Ein stärkeres Unternehmens-Commitment führt im Ergebnis zu besseren Arbeitsergebnissen und Produktivitätszuwächsen.

Arbeitgeber, die Home-Office anbieten, verfügen zudem über einen größeren Pool an potentiellen Bewerbern. Sie können weltweit agieren und sich erfolgreich im globalisierten Wettbewerb behaupten. Darüber hinaus können sie die negativen Auswirkungen des in Deutschland zu verzeichnenden Fachkräftemangels kompensieren; sie bleiben wettbewerbsfähig.

Durch Home-Office fallen natürlich auch die täglichen Fahrten zum Arbeitgeber weg. Damit verbunden könnten auch die Kosten der gesetzlichen Unfallversicherung, die durch Wegeunfälle entstehen, reduziert werden. Es könnten die Beiträge in der gesetzlichen Unfallversicherung sinken und die Arbeitgeber dementsprechend entlastet werden.

Die Vorteile Beschäftigter in Home-Office sind vielfältig. Der Gewinn an Arbeitszeitsouveränität verschafft ihnen zusätzliche Flexibilität bei der Erledigung ihrer Arbeit. Sie können nach ihrem eigenen Biorhythmus arbeiten. Das kann dazu führen, dass Arbeiten effizienter und schneller erledigt werden. Natürlich geht mit einer Home-Office-Beschäftigung auch eine Verbesserung der Work-Life-Balance einher. Gerade für Eltern mit Kindern verschafft das Angebot im Home-Office zu arbeiten, mehr Möglichkeiten, sich um die Betreuung ihrer Kinder zu kümmern.

Zuletzt kann Arbeiten im Home-Office auch die Arbeitskosten des Arbeitnehmers senken. Mit dem Wegfall der täglichen Fahrten zum Arbeitgeber können u.a. Fahrtkosten gespart werden.

Diesen Vorteilen stehen aber auch Nachteile sowohl für Unternehmen als auch für die Mitarbeiter gegenüber.

Für Arbeitgeber geht die unmittelbare Ansprechbarkeit seiner Mitarbeiter verloren. Dieses Problem korreliert mit der nicht zu unterschätzenden Ablenkung im Home-Office durch äußere Faktoren: Durch verschiedenste Störungen, denen man „zu Hause“ ausgesetzt ist, kann man auch nicht 100-prozentig bei der Arbeit sein; die Produktivität und Arbeitsergebnisse können darunter leiden.

Home-Office kann für den Arbeitgeber mit erheblichen Kosten verbunden sein. Er muss den Home-Office-Arbeitsplatz komplett einrichten. Das bedeutet, es müssen zusätzliche - zum Teil teure - Arbeitsmittel zur Verfügung gestellt werden. Zudem sind datenschutzrechtliche Maßgaben zu berücksichtigen. Neben diesen Kosten sind auch arbeitsschutzrechtliche Vorgaben zu beachten, die vom Arbeitgeber nur mit entsprechenden Mehrkosten umzusetzen sind. Und wie die zweite Frage schon andeutet, geht es auch um Fragen der - durchaus fürsorgenden - Kontrolle der gesetzlichen Arbeitszeit durch den Arbeitgeber.

In diesem Zusammenhang kommen wir gleich zu einem wesentlichen Nachteil für Beschäftigte im Home-Office: Häufig geht mit der Genehmigung im Home-Office zu arbeiten die Erwartungshaltung des Arbeitgebers nach ständiger Verfügbarkeit - also 24 Stunden an 7 Tagen - einher. Um dieser Erwartungshaltung zu entsprechen, arbeiten Home-Office-Beschäftigte relativ lange. Deswegen kann es auch dazu kommen, dass - wie Studien belegen - im Home-Office mehr Überstunden geleistet werden, die dann noch nicht einmal bezahlt werden. Das ist keine gute Entwicklung. Sie führt im Ergebnis zur Selbstausbeutung und Überlastung der Beschäftigten - mit all ihren negativen gesundheitlichen Folgen -, die dann wiederum auch zu Kosten, die die Allgemeinheit zu tragen hat, führen kann.

Für die Bilanzierung der Vor- und Nachteile müssen wir auch noch einen wichtigen Punkt ansprechen: Die soziale Ent- bzw. Ausgrenzung im Home-Office. Home-Office begünstigt das Vereinsamen. Der Austausch mit den Kollegen geht verloren, die Teilnahme an kurzfristigen Besprechungen kann nicht mehr wie gewohnt stattfinden und letztlich sinkt die Motivation der Beschäftigten. Da mit diesen beschrieben Folgen auch Informationsverluste einhergehen, die letztlich auch negative Auswirkungen auf die Arbeitsergebnisse der Beschäftigten haben, ist die Bilanz zweischneidig.

Untersuchungen zeigen, dass im Home-Office mehr Überstunden geleistet werden. Wie sollten die Mitarbeiter vor sich selbst und den Erwartungen ihrer Vorgesetzten geschützt werden?
Hier müssen verbindliche Absprachen zwischen dem Arbeitgeber und den Arbeitnehmer getroffen werden. Am besten wäre es aus meiner Sicht, wenn auf tarifvertraglicher oder betrieblicher Ebene Vereinbarungen geschlossen würden. Dann wäre sichergestellt, dass die Vorgesetzen sich an Regeln zu halten haben und ihre Erwartungshaltungen an die Mitarbeiter überprüfen und anpassen. Nach meiner Auffassung brauchen wir hier klar festgelegte Arbeits- und Erreichbarkeitszeiten, die auch zu Hause den Arbeitsplatz „sichtbar“ machen.

40 Prozent der heutigen Arbeitsplätze wären Home-Office-fähig. In welchem Umfang wird das klassische Präsenz-Büro künftig überhaupt noch gebraucht?
Überall dort, wo es notwendig und sinnvoll ist. Sicherlich - und das belegen ja auch Studien - ist es in Großbetrieben, die ihren Unternehmensschwerpunkt im Dienstleistungssektor haben, oder im öffentlichen Dienst, einfacher Home-Office anzubieten als in klein- und mittelständigen Betrieben des produzierenden Gewerbes, Handels, konsumnaher Dienste (Hotel- und Gastwirtschaft, Gesundheitswesen) oder der Landwirtschaft.

Nach meiner Überzeugung ist es die Aufgabe der Tarifvertragsparteien und der Partner in den Betrieben vor Ort gute Lösungen zu finden, die im beiderseitigen Interesse sind.

Die SPD strebt ein gesetzlich verbrieftes Recht auf Home-Office-Arbeit für Arbeitnehmer mit entsprechenden Arbeitsplätzen an. Wie bewerten Sie das?
Wir - die CDU/CSU-Bundestagsfraktion - sind gegen einen gesetzlich geregelten Anspruch auf Home-Office. Home-Office ist nach der geltenden Gesetzeslage bereits zulässig und möglich. Aber - und das ist mir wichtig - wir dürfen die Arbeitnehmerschaft in ihren Rechtsansprüchen nicht spalten. Die einen können, die anderen nicht. Arbeitsrecht muss aber für alle gleich sein. Gerade die Menschen, die für wenig Geld in Dienstleistungsberufen beschäftigt sind, wären davon ausgeschlossen. Besonders geeignet sind dagegen Arbeitsplätze von Menschen, die gut - meist akademisch - ausgebildet sind und im wesentlichen geistige Arbeit verrichten. Eine diesbezügliche einseitige Privilegierung ist nicht sachgerecht; sie ist ungerecht!

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass es im Koalitionsvertrag keine klare Verabredung gibt, ein solches Recht einzuführen.