MEINUNGSBAROMETER.INFO

DIGITALISIERUNG

DAS FACHDEBATTENPORTAL

Für Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Medien & Gesellschaft


schliessen

Bitte hier einloggen:

Login

Passwort vergessen?
 
21.07.2019
Kopieren und anderweitige Vervielfältigungen sind nicht erlaubt.

ZERO RATING DARF NICHT ZU DROSSELUNG BEI WETTBEWERBERN FÜHREN

Für DeinHandy.de ist Entkopplung von Volumen und Preis bei Smartphone-Tarifen das Gebot der Stunde

Robert Ermich, CEO, DeinHandy.de

Robert Ermich, CEO, DeinHandy.de [Quelle: DeinHandy.de]


"Die Netzneutralität hat die digitale Revolution der letzten 20 Jahre überhaupt erst ermöglicht", sagt Robert Ermich, CEO von DeinHandy.de. Im Sinne des freien Wettbewerbs hofft er im Zweifel auch auf gesetzlichen Schutz der Netzneutralität. Besonders wichtig ist ihm auch der umfassende Ausbau der Breitbandinfrastruktur.


In sogenannten Zero-Rating-Angeboten können Nutzer einzelne (Audio-)Dienste in Anspruch nehmen, ohne ihr Daten-Volumen zu belasten. Wie geht das mit dem Grundsatz der Netzneutralität zusammen?
Grundsätzlich verstehen wir, dass Telekommunikationsanbieter ihren Kunden die bestmögliche Leistung anbieten wollen. Als Vermittler sind wir natürlich gleichzeitig an einem möglichst breit aufgestellten Markt interessiert, der allen Anbietern gleiche Chancen einräumt.

Für uns steht dabei nicht unbedingt das Argument der Volumenbelastung im Vordergrund - gerade weil Inklusivvolumina in den vergangenen Monaten bei praktisch allen Anbietern spürbar angehoben worden sind, sondern mittelfristig das Risiko der Geschwindigkeitsdiskriminierung. Die Qualität eines Medienanbieters sollte nicht von der Bereitschaft des Providers abhängen, eine exklusive Datenübertragungsrate zu bewilligen. Anbieter neuer Services wären anderenfalls gezwungen, den Durchleitungskonditionen einzelner Netzbetreiber von vornherein zu entsprechen. Hier gilt es aus unserer Sicht aktuelle Entwicklungen zu beobachten und, falls notwendig, auch nachzusteuern – die Netzneutralität hat die digitale Revolution der letzten 20 Jahre überhaupt erst ermöglicht. Providerexklusive Medienservices nach Zero-Rating-Verfahren werden mittelfristig zweifellos in den kommenden Jahren größere Bedeutung erlangen. Im Sinne des freien Wettbewerbs erwarten wir jedoch einen ggf. auch gesetzlichen Schutz der Netzneutralität.

Wie entwickelt sich der Markt, wenn einzelne, zahlungskräftige Anbieter privilegierten Zugang zum Nutzer haben?
Definieren wir Netzneutralität als die parallele Gleichbehandlung aller Daten, unabhängig von Volumen und Geschwindigkeit, dann sollte der freie Zugang zum Endkunden nicht an das Entgegenkommen eines Providers gekoppelt sein, denn sonst zählt am Ende nur, wer zahlt. Das halten wir für den falschen Ansatz.

Wir glauben, dass der Zugang zum Kunden nicht vom Budget eines Anbieters abhängig sein sollte. Ein Beispiel: Ein Kunde, der einen Vertrag mit einem Datenvolumen zwischen zwei und vier Gigabyte abschließt, hat auf den ersten Blick tatsächlich einen relativ komfortablen Zugang zu allen Audio- oder Mehrwertangeboten seiner Wahl.

Das sieht aber schon wieder ganz anders aus, wenn das Angebot des bevorzugten Providerpartners mit 150 Mbit/s oder mehr durchs Netz rauscht, während Inhalte eines alternativen Anbieters gedrosselt werden und mit gerade mal 7,2 Mbit/s durch die Leitung trudeln. Und dass hier ohnehin Handlungsbedarf besteht, ist offensichtlich. Stand heute leistet die durchschnittliche 4G-Verbindung im Schnitt erst rund 18 Mbit/s im Downstream-Alltag.
Gerade am Hinblick auf kommende Entwicklungen im Video-on-Demand-Bereich dürfte die einseitige Bevorzugung kapitalstarker Anbieter also lediglich deren marktbeherrschende Stellung zementieren, anstatt einen wirksamen Wettbewerb zu fördern.

In den USA gibt es Modelle, bei denen Zero-Rating-Programme für alle Medienanbieter offen sind. Wäre dieser Zustand in Deutschland wünschenswert?
Das wäre nach unserer Einschätzung die Ideallösung. Voraussetzung dafür ist jedoch der umfassende Ausbau der Breitbandinfrastruktur, um flächendeckend den entsprechenden Datenmehrdurchsatz zu stemmen.

Bis dahin sollte sichergestellt werden, dass die Privilegien der einen (Zero Rating) nicht gleichbedeutend sind mit der Diskriminierung der anderen (Drosselung).

Bislang wird die Diskussion über Audio-Angebote geführt. Wie sieht der Markt aus, wenn bandbreitenintensivere Video-Dienste über Zero-Rating-Angeboten nutzbar werden?
De facto ist die Diskussion um Audio- und Video-Services ja lediglich der Anfang einer viel breiteren Diskussion um die Netzneutralität. Wir dürfen nicht vergessen, dass sie die Grundlage der allumfassenden Digitalisierung in den vergangenen zwanzig Jahren bildete und mit dem kommenden 5G-Standard wahrscheinlich noch weitaus wichtiger für echten Fortschritt in einem dynamischen Umfeld sein wird.

Wenn das Wachstum der Video-on-Demand-Services sich weiterhin so rasant fortsetzt, dann sind exklusive Videostream-Angebote á la Netflix, Hulu usw. per Zero-Rating auf den ersten Blick ein enormer Wettbewerbsvorteil für die beteiligten Provider.

Aber denken wir an das schmale Sichtfeld von Smartphones. Oder daran, dass visuelle Medien häufig eher linear funktionieren - ganz anders als Musik, die ideal dafür geeignet ist, häppchenweise genossen zu werden. Gelingt es, Video-on-Demand fest zu etablieren, ist das Gebot der doppelten Neutralität von Volumen und Geschwindigkeit für alle Dienste unserer Meinung nach umso wichtiger, egal ob es sich um Audio, Video oder andere Mehrwertdienste handelt.

Hier lohnt auch ein Blick über den Tellerrand. Denn im europäischen Vergleich sehen wir hier ganz klar noch Luft nach oben, z. B. beim Inklusiv-Volumen. In anderen Ländern erhalten Mobilfunkkunden häufig ein deutlich großzügigeres Datenpaket, und das zu ähnlichen Preisen; auf unserer Schweizer Website bieten wir bereits reguläre Providertarife mit unbegrenzten Flatrates an. Wir halten dies für den richtigen Weg den größten Vorteilen für alle Beteiligten - Kunden und Marktteilnehmer, denn die Entkopplung von Volumen und Preis ist unserer Ansicht nach ohnehin das Gebot der Stunde. Nachdem die Störerhaftung de facto abgeschafft ist, werden WiFi-Dienste dramatisch an Bedeutung gewinnen. Hier hat bspw. Vodafone gerade erst einen wichtigen Schritt getan – mit der Realisierung von Telefongesprächen über WLAN.