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Interview16.04.2024

Warum digital noch nicht smart ist

Und wie deutsche Städte bei der Transformation aus dem europäischen Mittelfeld herauskommen

Frank S. Jorga - Gründer und Co-CEO von WebID Solutions Quelle: WebID Solutions Frank S. Jorga Gründer und Co-CEO WebID Solutions
INITIATOR DIESER FACHDEBATTE
Uwe Schimunek
Freier Journalist
Meinungsbarometer.info
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"Grundlegend hängen unsere Städte und Gemeinden in Deutschland weit, weit hinter dem zurück, was in anderen Ländern geleistet wird", konstatiert Frank S. Jorga mit Blick auf die digitale Transformation. Auf dem Weg nach vorn plädiert der Gründer und Co-CEO von WebID Solutions für Zwischenschritte - dabei sollten Städte und Gemeinden, Bund und Unternehmen Hand in Hand arbeiten.





Der Verband BITKOM hat einen „Smart City Index“ herausgegeben. Wie bewerten Sie die Anstrengungen der Städte hier in Deutschland und in der DACH-Region, die digitalen Transformation anzugehen?
Grundsätzlich begrüßen wir den Index und die Tatsache, dass ein Verband auch mal schaut und misst. Die einzelnen Ergebnisse zu jeder einzelnen Stadt kann ich natürlich aus der Ferne nicht verifizieren. Ich kann jedoch grundsätzlich aus unserer Erfahrung heraus einschätzen, wie wir die aktuellen Anstrengungen in den Kommunen sehen. Es gibt sicherlich einzelne Projekte, die in den Städten und Gemeinden vonstattengehen. Das finde ich auch sehr gut. Doch grundlegend hängen unsere Städte und Gemeinden in Deutschland weit, weit hinter dem zurück, was in anderen Ländern geleistet wird. In der Quintessenz muss ich wirklich aus Sicht der Privatwirtschaft sagen, dass wir nicht wirklich zufrieden auf das schauen können, was da in den Städten und Gemeinden aktuell passiert.

Das BITKOM-Ranking betrachtet deutsche Städte. Wie gut sind die hiesigen Kommunen Ihrer Einschätzung nach im Europa-weiten Vergleich aufgestellt?
Es gibt natürlich in Europa ein paar Highlights und ein paar Lowlights und wir liegen irgendwo dazwischen. Der Anspruch von Deutschland sollte jedoch nicht sein, im europäischen Vergleich im Mittelfeld oder sogar im unteren Mittelfeld zu hängen, sondern weit darüber hinaus zu kommen. Doch mehr als das Mittelfeld sehe ich für Deutschland aktuell nicht.

Derzeit sprechen viele Player immer noch von Digitalisierung. Was ist für Sie der maßgebliche Unterschied zwischen „digital“ und „smart“ und was ist an smart grundsätzlich besser?
Ich finde diese Frage sehr, sehr gut. Denn Digitalisierung ist ein Begriff, der zum Teil noch nicht einmal definiert ist. Jeder redet über Digitalisierung und jeder hat etwas dazu zu sagen, egal, wen man fragt. Natürlich ist es wichtig, Prozesse zu digitalisieren. Doch grundsätzlich bedeutet Digitalisierung nicht, dass man Prozesse, die vorher noch analog gelaufen sind, einfach digitalisiert. Das Entscheidende dabei ist, das Ganze wirklich smart zu tun. Und dazu gehört es auch, in einer Digitalisierungsstrategie zu überlegen, auf welchem Weg ich wirklich zum Ziel komme. Das Smarte in einem Digitalisierungsprozess ist, auch die Zwischenschritte richtig zu definieren, um das Ziel zu erreichen. Wenn also beispielsweise Städte und Gemeinden denken, sie können die digitale Transformation in einem Schritt bewältigen, ist das nicht smart. Wir müssen diese Zwischenschritte gehen und jeder Zwischenschritt muss auch gefeiert werden. Dazu gehört auch, auch mal nur Zwischenlösungen zu finden, um dann immer weiter in die Digitalisierung zu kommen.

Welche Unterstützung würden Sie sich bei den Maßnahmen der digitalen Transformation von Land, Bund und EU wünschen?
Ich versuche die Antwort auf den Punkt zu bringen, denn ich könnte darüber besonders dezidiert sprechen. Immerhin findet hier schon ein Austausch statt zwischen Städten und Gemeinden, dem Bund und Unternehmen wie uns. Was ich aber aktuell als großen Wunsch formuliere würde ist, dass das Reden allein nicht funktioniert. Denn jetzt müssen wir wirklich in eine Zusammenarbeit kommen. Das aktuelle Problem ist jedoch, dass die Verwaltung noch viel zu sehr darauf schaut, was von staatlicher Seite geschaffen wurde. Damit ist die Verwaltung wenig agil.

Als Beispiel: wir sind ein Unternehmen, was unterschiedliche Arten der „Identifikation“ anbietet. Derzeit wird von der Verwaltung immer noch zu sehr darauf geschaut, was der derzeitige Ausweis zu bieten hat. Und das ist die so genannte eID-Funktion. Diese ist auch wirklich gut und sie wird immer weiter genutzt werden. Doch aktuell ist es so, dass noch relativ wenig Bürger diese Funktion nutzen.

Als herausragendes Beispiel nenne ich die Stadt Wiesbaden. In Wiesbaden ist sowohl die eID-Funktion als auch unser Videoprodukt live. 98 Prozent der Bürger nutzen das Videoprodukt und nur 2 Prozent das andere. Dazu kommt, dass wir eine extrem hohe Kundenzufriedenheitsquote von weit über 90 Prozent für dieses Videoprodukt haben. Daher würde ich mir natürlich für unser und auch all die anderen Unternehmen wünschen, nicht nur zu reden und Absichtserklärungen abzugeben, sondern auch wirklich zusammenzuarbeiten.

Ich bin absolut davor überzeugt, dass eine Verwaltung, die diese Chancen erkennt und dann auch die Angebote, Möglichkeiten und die Dynamik und Geschwindigkeit der Privatwirtschaft nutzt, eine wirklich gute smarte Verwaltung werden kann.

Würden Sie sich als ein digitaler Vordenker bezeichnen und wenn ja, was macht digitale Vordenker aus?
Ich antworte hier ganz unbescheiden mit einem „ja“ und werde sogleich auch erklären, warum. Es gibt meiner Einschätzung nach viele Persönlichkeiten in Deutschland, die digitale Vordenker sind. Das sind für mich Menschen, die einerseits die gewachsenen Traditionen in Deutschland akzeptieren, andererseits aber versuchen, diese in einem echten „Vordenk-Prozess“ zu modernisieren und in die Zukunft zu treiben. Denn natürlich sollte man an Traditionen festhalten, die sich gut bewährt haben. Doch gibt es viele Dinge, die neu gedacht werden müssen. Meiner Einschätzung nach ist man dann ein digitaler Vordenker, wenn man bereit ist, alte Dinge auch von Bord zu nehmen und Prozesse ganz neu zu denken. Genau das hatte ich damals gemacht mit der Entwicklung des Video-Ident-Verfahrens. Damals fragte ich mich, dass es doch nicht sein könne, dass jeder Bürger für ein Ident-Verfahren zum Beispiel eines Ausweises immer in eine Postfiliale oder eine Bankfiliale laufen muss. Ich hielt das schon damals in unserer sonst so digitalisierten Welt für absurd. So hatte ich dann unter Einhaltung aller Sicherheitsstandards das Video-Ident-Produkt entwickelt, mit dem Bundesfinanzministerium besprochen und dann auf den Markt gebracht. Damals hatte ich genau diesen Ansatz, den ich eingangs beschrieben habe. Ich habe zunächst geschaut, was es bis dato bereits gab und auch gebraucht wird und genau das habe ganz neu gedacht und weiterentwickelt. Dieses Vorgehen können sie auch in allen anderen Bereichen sehen und genau das macht einen digitalen Vorreiter aus. Und zum Abschluss spreche ich sicher für viele Kolleginnen und Kollegen in allen Bereichen: Es gibt nach wie vor viele digitale Vordenker, doch sie müssen viel mehr Gehör finden, als es derzeit noch der Fall ist.

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