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Interview10.11.2016

Schweizer Radiomacher warnt bei Radiodisplays vor zu viel Euphorie

Warum der Hörfunk lieber bei seinem Kerngeschäft bleiben sollte

Jean-Luc Wicki, Programmleiter bei RADIO BASILISK Quelle: RADIO BASILISK Jean-Luc Wicki Programmleiter RADIO BASILISK
INITIATOR DIESER FACHDEBATTE
Alexander Hiller
Redakteur
Meinungsbarometer.info
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"Radiodisplays spielen in unserem Programm derzeit eine untergeordnete Rolle." Das sagt Jean-Luc Wicki, Programmleiter bei RADIO BASILISK aus der Schweiz. "Wir müssen bei unserem Kerngeschäft bleiben – wir bieten ein Radioprogramm an und können mit unseren Mitteln personell und finanziell nicht auch noch Parkleitsysteme und  Stau-Apps anbieten", so der Radiomann. Vor allem aber ist Wicki skeptisch, ob die Hörer überhaupt solche visuellen Services haben wollen.





Welche Bedeutung haben die Radiodisplays für Ihr Programm?
Radiodisplays spielen in unserem Programm derzeit eine untergeordnete Rolle.

Welche Inhalte verbreiten Sie dort?
Wir kommunizieren via RDS in erster Linie Musiktitel-Informationen, Uhrzeit und den Sendernamen.

Was wäre künftig denkbar, vielleicht eine Art Pinterest?
Denkbar ist Vieles, die Frage ist, was sich im Hörermarkt durchsetzen wird. Auch wenn sich die Autoradios mehr und mehr zu Smartphones oder Tablets mit WLAN-Betrieb entwickeln, bleibt die Frage, ob der Autofahrer diese Geräte tatsächlich wie ein Smartphone benutzt, also Bilder, Videos oder ähnliches konsumiert. Abgesehen davon, dass dies ja während der Fahrt gar nicht erlaubt ist. Je nach Entwicklung kann das selbstfahrende Auto ein Gamechanger sein, aber unserer Ansicht ist dessen flächendeckender Durchbruch noch Jahrzehnte weg.

Welche Rolle spielen die modernen Car-Infotainment-Systeme in Ihren Überlegungen in Bezug auf die Ausspielung audiovisueller Inhalte? Bspw. Podcast-Inhalte, Geodaten für Parkleitsysteme, Livestreaming, etc.
Grundsätzlich sind wir der Meinung: Wir müssen bei unserem Kerngeschäft bleiben – wir bieten ein Radioprogramm an und können mit unseren Mitteln (personell und finanziell) nicht auch noch Parkleitsysteme, Stau-Apps, usw. anbieten. Das ist in der Schweiz in erster Linie ein Privileg der üppig gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sender.
Dazu kommt: Viele Medienhäuser und Radiostationen verzetteln sich mit audio-VISUELLEN Zusatzdiensten, man will überall dabei sein. Jede Social-Media-Plattform wird bespielt – aus Angst, den Anschluss zu verpassen. Man vergisst dabei aber auch gerne, dass das Kernpublikum vielleicht gar nicht über Snapchat erreicht wird. Oder dass es bisher keinen Beweis gibt, dass enorme Aufwendungen im Social-Media-Bereich enormen Hörerzuwachs bedeuten (Beispielsweise müsste SRF3 so gesehen eigentlich SRF1 schon lange überholt haben). Und bezüglich audiovisuellen Inhalten: Wer auf tolle Filme oder Bilder steht, wird sich immer via die Online-Plattformen YouTube, Instagram, uva. bedienen. Sicher: Man muss heute im Bereich Social Media präsent sein, aber sich jede neue Plattform genau überlegen. „Don’t believe the hype!“, haben Public Enemy gesungen. Visuelles ist nicht unser Kerngeschäft, und wir investieren lieber mehr in Audio.
Aber klar ist: Wir müssen – wie auch immer in Zukunft im Auto Radio gehört wird – auf Knopfdruck hörbar sein. Und die Privatradios müssen auch in den neuen Car-Infotainment-Systemen für den Nutzer prominent und einfach auffindbar sein. Das bedarf einer Anstrengung der gesamten Branche, länderübergreifend. Natürlich wächst mit WLAN-Geräten im Auto die Konkurrenz – wir kämpfen plötzlich mit der ganzen Welt. Hier muss die Branche ebenfalls den Hebel ansetzen. Mit zuverlässigen und qualitativ stabilen Streamings.
Interessant könnte für uns sein, dass man via Autoradio ganz einfach Podcast anhören kann (also eigentlich Radio-on-Demand-Angebote). Das würde die „Konkurrenz“ im Auto erhöhen. Derzeit sind wir noch nicht entsprechend aufgestellt, da müssen wir in Zukunft über die Bücher.
In kleiner Dimension müssen wir sicherlich weiterhin auf eine gute App setzten – und diese immer wieder weiterentwickeln und weiterdenken. Eine App ist eigentlich dann schon veraltet, wenn sie entwickelt ist. Wir müssen z. B. sicherlich 2017 unsere App in die nächste Runde schicken.

Dort sein, wo die Hörer sind - wie gut ist das klassische Radio künftig im Kampf um mobile Relevanz aufgestellt?
Die digitale Revolution steht ja eigentlich erst am Anfang, insofern ist eine Prognose sehr schwierig. Was man aber festhalten kann: Das Radio erfreut sich ungebrochener Beliebtheit, was unserer Ansicht nach hauptsächlich auf folgenden Vorzügen basiert: Radio ist gratis für den Nutzer, Radio ist ein Begleitmedium, das auch andere Tätigkeiten nebenbei erlaubt, und Radio ist emotional und verkörpert Heimat. Diese Vorzüge verlieren offensichtlich auch in der digitalen Welt nicht an Gewicht, wie man an der unverändert guten Radionutzung ablesen kann. Die Ausgangslage, um auch in Zukunft mobil relevant zu sein, ist also schon einmal gut. Die Konkurrenz durch Streamingdienste etc. wächst zwar, aber Radio kann sich in dem Mass behaupten, wie es den Leuten ein gutes Angebot macht, das sie einfach und ohne Einsatz von Geld und vor allem Zeit erreichen können. Entscheidend ist, dass die potentiellen Nutzer Radio auf jedem Nutzungsvektor, den sie bevorzugen, einfach und rasch finden.
Dies gesagt und bei aller berechtigten Zuversicht: Die Anzahl der so genannten „schwarzen Schwäne“, also der überraschend eintreffenden und nachteiligen Gamechanger, ist mit der digitalen Revolution sprunghaft angestiegen, und dies nicht nur in der Medienbranche, sondern in allen Wirtschaftszweigen. Ständige Aufmerksamkeit und ein bisschen Paranoia, gepaart mit Besonnenheit im Reagieren, sind ein guter Ratgeber.

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