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12.12.2018
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KEINE ÜBEREILTE DISKUSSION ÜBER EINEN UKW-AUSSTIEG

Warum die Zukunft auch nicht nur bei IP-Radio liegen kann

Dirk Schrödter, Chef der Staatskanzlei, Schleswig-Holstein

Dirk Schrödter, Chef der Staatskanzlei, Schleswig-Holstein [Quelle: Frank Peter]


"Der Trend geht zunehmend in Richtung Digitalradio", sagt Dirk Schrödter, Chef der Staatskanzlei des Landes Schleswig-Holstein - auch mit Blick auf die Abschaltung des Deutschlandfunk-UKW-Senders auf Helgoland. Allerdings sieht er auch gute Gründe dafür, dass viele Private weiter an ihren UKW-Geschäftsmodellen festhalten.


In zwei Regionen (u.a. auf Helgoland) sind die Deutschlandradio-Programme künftig nicht mehr per UKW zu empfangen und sollen vor allem über DAB+ Hörer erreichen. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht für den digitalen Übertragungsstandard?
Das ist ein wichtiger Schritt in die digitale Zukunft des Radios. Er zeigt, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten klare Strategien zur Einführung des Digitalradios haben. Eine wichtige Wegmarke ist damit gesetzt – das Ziel aber noch lange nicht erreicht. Denn bei allem Erfolg, den die Öffentlich-Rechtlichen inzwischen bei DAB+ für sich verbuchen können: Ohne die privaten Rundfunkanbieter wird es auf Dauer im Digitalradio nicht gehen. Viele Private halten nach wie vor an ihren UKW-Geschäftsmodellen fest - und haben dafür auch gute Gründe, denn: Ein Umstieg von UKW auf DAB+ muss sich für die Privaten rechnen. Insoweit gilt es weiter Überzeugungsarbeit zu leisten für DAB+, sowohl was die privaten Anbieter angeht, als insbesondere auch an die Adresse der Hörerinnen und Hörer.

Die Durchdringung mit DAB+ Geräten ist in den letzten Jahren stark gestiegen – auf nun deutschlandweite 18,1 %. Wie bewerten Sie den Schritt des Deutschlandradios im Lichte dieser Entwicklung?
Der Trend geht zunehmend in Richtung Digitalradio. Das zeigen auch die jüngsten Zahlen im „Digitalisierungsbericht – Audio“ der Landesmedienanstalten. Aber wir sollten abwarten, wie sich diese Zahlen weiter entwickeln. Die Große Koalition in Berlin hat sich in ihrem Koalitionsvertrag darauf verständigt, das digital-terrestrische Radio weiterzuentwickeln, insbesondere durch Regelungen im TKG zur sog. „Interoperabilität“ digitaler Radios. Das würde bedeuten, dass jedes künftig verkaufte Radiogerät auch über eine Schnittstelle zum digitalen Radioempfang verfügen müsste. Ob und wann dieses Gesetz kommt, bleibt abzuwarten. Für weitergehende politische Entscheidungen, insbesondere über einen UKW-Abschalttermin, ist es aber noch viel zu früh.

Gerade bei jüngeren Zielgruppen ist IP-basierte Radionutzung im Kommen - was bedeutet es für DAB+, wenn immer mehr Menschen via Internet Radio hören? 
Als mögliche Alternative zu UKW oder DAB+ findet Radio zunehmend auch über das Internet seine Hörer. Die Zahlen sprechen für sich, insbesondere bei jungen Menschen. Allerdings kann IP-basierte Radionutzung nicht den terrestrischen Empfang ersetzen, insbesondere weil IP-Radio einen bestehenden Internetvertrag mit ausreichendem Volumen voraussetzt und das persönliche Nutzungsverhalten nachverfolgen kann. Aber am wichtigsten: IP-Radio ist im Krisen- und Katastrophenfall deutlich weniger geeignet als terrestrisches Radio: Ohne bestehende Internetverbindung gäbe es keine Informationen über das Radio. Radio ist ein niedrigschwelliges Medium und sollte es auch bleiben. Insoweit ist IP-Radio aus jetziger Sicht nur als Ergänzung zu den bestehenden Verbreitungswegen sinnvoll.

Ab 2021 will Deutschlandradio weitere UKW-Sender außer Betrieb nehmen. Kommt dann einen neue UKW-Abschaltdebatte?
Ob sich Digitalradio durchsetzt oder nicht, ist in erster Linie eine Entscheidung des Marktes. Ich warne deshalb vor einer übereilten Diskussion über einen UKW-Ausstieg: Jeder staatliche Eingriff in das System könnte zum jetzigen Zeitpunkt erhebliche Auswirkungen für bestehende Geschäftsmodelle privater Anbieter bedeuten - und für diese ggf. auch existentielle Bedeutung haben. Grundsätzliche politische Entscheidungen wie ein UKW-Ausstieg müssen deshalb wohl überlegt sein. Auch die Frage nach einem erforderlichen Schwellenwert, ab welchem Verbreitungsgrad von DAB+ Empfangsgeräten in Haushalten und in Fahrzeugen die Hörfunkübertragung über UKW in Deutschland abgeschaltet werden kann, lässt sich aus heutiger Sicht nicht seriös beantworten. Die Länder beobachten die Marktentwicklungen sowie die Akzeptanz bei den Hörerinnen und Hörern sehr genau – und werden zu gegebener Zeit die nötigen Entscheidungen treffen.