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Interview18.06.2026

Großbatteriespeicher und ihr Beitrag zur Netzstabilität

Warum insgesamt ein resilient aufgebautes Energiesystem nötig ist

Prof. Dr. Katharina Reuter - Geschäftsführerin, BNW Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V. Quelle: BNW/ Simon Veith Prof. Dr. Katharina Reuter Geschäftsführerin BNW Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e.V.

Großbatteriespeicher "helfen dabei, Strom aus Wind- und Solaranlagen genau dann verfügbar zu machen, wenn er gebraucht wird – und gleichen Schwankungen im Stromnetz aus", erklärt Prof. Dr. Katharina Reuter vom BNW Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft. Die Stärke eines erneuerbaren Energiesystems liegt aus ihrer Sicht im intelligenten Zusammenspiel verschiedener Lösungen.





Deutschland steht nach aktuellen Daten vor einem starken Ausbau bei Großbatteriespeichern - welchen Beitrag können diese aus Ihrer Sicht bei der Energiewende grundsätzlich leisten?
Großbatteriespeicher sind ein zentraler Baustein der Energiewende. Sie helfen dabei, Strom aus Wind- und Solaranlagen genau dann verfügbar zu machen, wenn er gebraucht wird – und gleichen Schwankungen im Stromnetz aus.

Der starke Ausbau in Deutschland zeigt: Speicher werden vom Nischenthema zur kritischen Infrastruktur der Energieversorgung von morgen. Sie ermöglichen es, erneuerbare Energien effizienter zu nutzen, Stromüberschüsse zwischenzuspeichern und fossile Reservekraftwerke schrittweise zu ersetzen. Gerade für ein Industrieland wie Deutschland ist das entscheidend: Wer erneuerbare Energien intelligent mit Speichern kombiniert, stärkt die wirtschaftliche Resilienz und die Unabhängigkeit von fossilen Energieimporten.

Für die Debatte sind aktuell vor allem die großen Front‑of‑the‑Meter‑Speicher relevant, weil sie eine Schlüsselrolle für das Gesamtsystem spielen. FTM-Speicher stehen „vor dem Zähler“, also direkt im Stromnetz. Aber auch in Speichern für die Industrie steckt viel Potenzial. Unser Mitglied Allgäu-Batterie bietet beispielsweise Lösungen an, bei denen Speicher mit intelligenten Energiemanagementmaßnahmen, Wärme- und Kälteanlagen sowie lokaler Ladeinfrastruktur kombiniert werden. Unternehmen gewinnen so mehr Energieunabhängigkeit, können selbst erzeugten Strom besser nutzen und ihre Speicher netzdienlich und marktorientiert zu betreiben. 

Wie bedeutend ist der schnelle Ausbau einer intelligenten Steuerung des Stromverbrauchs in diesem Zusammenhang?
Der schnelle Ausbau intelligenter Steuer- und Messgeräte ist entscheidend. Deutschland gehört beim Smart-Meter Rollout zu den europäischen Schlusslichtern. Wir liegen bei einer Smart-Meter Abdeckung von gerade einmal 5,5%, ein Jammer. Denn ein Smart-Meter ist die Grundvoraussetzung, um dynamische Stromtarife zu nutzen. Ein klassisches Beispiel für netzdienliches Verhalten ist das Laden eines E-Autos genau dann, wenn viel erneuerbarer Strom im Netz verfügbar ist – also typischerweise mittags bei hoher Solarstromproduktion oder nachts bei viel Windstrom. Intelligentes Laden von E-Autos kann so helfen, Lastspitzen zu vermeiden, Stromnetze zu entlasten und günstigen erneuerbaren Strom besser zu nutzen. Studien zeigen, dass die Kosten für ein intelligent geladenes E-Auto bis zu 70% niedriger sein können. Auch bei Wärmepumpen sind 24% Ersparnis möglich.*

Außerdem wird mit der Digitalisierung die Grundlage geschaffen, dass Netzbetreiber bei Lastspitzen Wallboxen, Wärmepumpen und Dachsolar dimmen können. In Summe entsteht so deutlich mehr Flexibilität im Netz, was den Bedarf an Netzausbau reduziert. 

Experten wenden ein, dass Großspeicher für Strommangel über längere Zeiträume nicht geeignet seien - wie sollte man sich für längere sogenannte Dunkelflauten wappnen?
Großbatteriespeicher sind hervorragend geeignet, um kurzfristige Schwankungen im Stromsystem auszugleichen – also Stunden oder teilweise auch einzelne Tage zu überbrücken. Für längere Dunkelflauten mit wenig Wind und Sonne über mehrere Tage brauchen wir ein resilient aufgebautes Energiesystem: Dazu gehören Netzausbau, flexible Stromnachfrage, europäische Stromverbünde, unterschiedliche Speichertechnologien sowie perspektivisch Wasserstoffspeicher für längere Zeiträume.

Großbatteriespeicher leisten dabei einen wichtigen Beitrag zur Netzstabilität – einige sind bereits schwarzstartfähig. „Schwarzstartfähig“ bedeutet, dass eine Anlage nach einem großflächigen Stromausfall ohne externe Stromversorgung selbstständig hochfahren und beim Wiederaufbau des Netzes helfen kann. Das war bislang vor allem die Rolle großer konventioneller Kraftwerke.

Die Stärke eines erneuerbaren Energiesystems liegt nicht in einer einzelnen Technologie, sondern im intelligenten Zusammenspiel verschiedener Lösungen.

Eine Studie der Landesbank Baden-Württemberg zeigt, dass in Deutschland jährlich circa zwei Dunkelflauten auftreten, die länger als 48h andauern. Weil Gaskraftwerke durch das Merit-Order-Prinzip die Strompreise in die Höhe treiben, müssen wir uns sehr genau anschauen, wo Speicher die besseren Lösungen sind. Wirksamen Schutz vor Spannungsspitzen und Puffer in Zeiten mit wenig Stromerzeugung bieten Speicher in Unternehmen, bei Logistikzentren oder im ÖPNV. Hier können sie in kritischen Netzsituationen die Versorgung sicherstellen und die Netze entlasten. 

Welchen Rahmen sollte die Politik für einen Ausbau der Großspeicher setzen?
Der Ausbau von Speichern steht vor vielen Herausforderungen. Von der Kraftwerksstrategie dürften unmittelbar keine Impulse für die Branche ausgehen. Die neun Gigawatt Langzeitkapazitäten, die noch 2026 ausgeschrieben werden sollen, sind so zugeschnitten, dass sie Gaskraftwerke als steuerbare Leistung bevorzugen. Pikanterweise hatte genau das die Gas-Lobby gefordert.

Positiv ist, dass in zukünftigen Ausschreibungen auch Speicher und flexible Lasten zum Zuge kommen sollen. Dieses Signal muss die Bundesregierung stärken und deutlich machen, dass Speicher künftig Teil der kritischen Infrastruktur der Energieversorgung sind. Dazu gehört ein verbesserter, stabiler regulatorischer Rahmen, die Anerkennung von Speichern als systemdienliche Infrastruktur und mehr Tempo bei Netzanschlüssen und Genehmigungsverfahren. Speicher sind ein integraler Bestandteil der Energie- und Mobilitätswende. Anders als auf Wasserstoff umgestellte Gaskraftwerke stehen sie bereits heute als klimafreundliche Lösung zur Verfügung und sollten bestmöglich genutzt werden. 

 

* https://www.zvei.org/fileadmin/user_upload/Presse_und_Medien/Pressebereich/2024-021-Dezentrale_Flexibilitaet/Kurzstudie-Mehrwert_dezentraler_Flexibilitaet-ZVEI-Neon.pdf

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