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Interview27.04.2016

Forschung prognostiziert goldene Zeiten für Radioanbieter und Musikindustrie

Warum dafür aber jetzt die Inhalteanbieter Kreativität und Mut brauchen, sich auf neue Wege einzulassen

Barbara Evans, Geschäftsführerin Facit Research Quelle: Facit Research Barbara Evans Geschäftsführerin Facit Research
INITIATOR DIESER FACHDEBATTE
Alexander Hiller
Redakteur
Meinungsbarometer.info
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Es könnten goldene Zeiten für Deutschlands Radioanbieter und die Musikindustrie anbrechen. Dafür sprechen die aktuellen Zahlen aus der Forschung. Die Geschäftsführerin vom Forschungsinstitut Facit Research, Barbara Evans, mahnt allerdings gleichzeitig bei den Inhalteanbietern "Offenheit für neue Vermarktungsstrategien und ein Bewusstsein für die veränderte Anspruchshaltung der Konsumenten" an.





Gerade haben Sie die aktuelle Studie „Age of Ears“ vorgelegt. Wie hören wir in Zukunft Musik?
Wir werden in Zukunft immer und überall Audio hören. Damit wird Audio für uns eine neue Rolle einnehmen: Es wird zu einem permanenten Begleiter – mit dem großen Vorteil, dass Audio nicht zwingend auf die primäre Nutzung angewiesen ist, sondern ganz wunderbar als Nebenbei-Medium funktioniert. Damit wird es – anders als multimediale Angebote – zu einem ECHTEN Non-Stop-Begleiter.

Was sind die großen Trends für die nächsten Jahre, welche Rolle spielt generell Musikhören und  Musikgenuss für unsere Gesellschaft?
Audio spricht unsere Emotionen an, weckt Erinnerungen, beruhigt uns, versetzt uns in eine bestimmte Stimmung, hilft uns bei der Konzentration, lässt uns den Alltag vergessen, aus Situationen ausbrechen. Audio ist so vielseitig wie kein anderes Medium. Wir haben in unserer Studie sieben große Audiotrends der nahen Zukunft identifiziert: „Connected Audio“ ist dabei der zentrale Trend – die zunehmende Vernetzung der Geräte und das Internet der Dinge machen alle Entwicklungen erst möglich. „Mobile Audio“ ergibt sich aus der weiter zunehmenden Mobilität der Gesellschaft. „Individual Audio“ entspricht unserem steigenden Anspruch nach ganz individuellen Angeboten. „Private Audio“ ermöglicht uns den Rückzug aus unserem immer noch schneller und noch lauter werdenden Alltag. „Love Audio“ lässt uns die Liebe zum Detail, zu traditionellen Trägermedien wiederentdecken. „Immersive Audio“ beschreibt die steigende Qualität bei Audioproduktion und -genuss. Das Hörerlebnis wird immer echter, immer realer. Und bei „Social Audio“ steht der gemeinsame Musikgenuss im Vordergrund. Denn Musikhören war, ist und bleibt immer auch ein soziales Moment.

Was bedeutet die Weiterentwicklung der digitalen Audiodienste für die Musikindustrie und die Radioanbieter? Welche Handlungsempfehlungen haben Sie?
Für Radioanbieter – oder nennen wir sie besser Audioanbieter – birgt die Weiterentwicklung bislang ungeahnte Vorteile: Durch die künftig immer weiter fortschreitende Individualisierung der Nutzung bieten sich ganz neue werbliche Belegungsmöglichkeiten, die eine deutlich höhere Relevanz auf Seiten des Konsumenten schaffen. Davon werden Marken enorm profitieren – und damit natürlich auch die Audioanbieter. Geographisches, inhaltliches oder Stimmungs-Targeting werden umsetzbar. Die zunehmende verbale Steuerung von Audio-Playern (Smartphones, Wearables, sonstigen Smart Devices) ermöglicht neue Formen der unmittelbaren Interaktion – das Kaufen von Produkten noch während des Hörens zum Beispiel. Audioanbieter brauchen nur eines: etwas Kreativität und den Mut, sich auf die neuen Wege einzulassen.
Auch die Musikindustrie wird im Zuge der Digitalisierung profitieren können: nicht zuletzt dank höherer Reichweiten und der längeren Nutzungsdauer. Voraussetzung für den Erfolg ist allerdings eine Offenheit für neue Vermarktungsstrategien und ein Bewusstsein für die veränderte Anspruchshaltung der Konsumenten.

Ein echtes Comeback erlebt derzeit die Langspielplatte? Wie erklären Sie sich diesen Retrotrend hin zu einem haptischen Tonträger, widerspricht das nicht der digitalen Bewegung zu Streaming und Co.?
Trends sind immer stark mit Gegentrends verbunden. Je schneller sich die Welt dreht, je aktiver wir werden, je mehr wir nach vorne gerichtet denken und handeln, desto mehr sehnen wir uns nach Ruhe, Sicherheit, Geborgenheit. Die Langspielplatte steht für die gute alte Zeit und zugleich für eine außerordentlich hohe Qualität. Der Besitz von Dingen verliert zunehmend an Bedeutung. Was zählt, sind die Zugangs- oder Nutzungsmöglichkeiten (BeispielCarsharing). Für die Audiowelt bedeutet das: Wir wollen auf alles Zugriff haben, auf jeden Song der Welt. Wir müssen sie nicht auf der Festplatte oder CD haben, wollen sie aber hören können, wenn uns gerade danach ist. Gleichzeitig aber „sichern“ bzw. kaufen wir uns Stücke, die eine ganz besondere Bedeutung haben. Wir wollen also beides: Alles nutzen und Einzelteile besitzen.

Wie ist generell Ihre Einschätzung in Bezug auf die fortschreitende Digitalisierung: Stärkt die zunehmende Digitalisierung die Musikindustrie als wesentliche Säule der Kreativwirtschaft, oder bedroht das digitale Geschäft eher die klassischen Geschäftsmodelle?
Die Musikindustrie wird profitieren; das tut sie schon jetzt, denn insbesondere das Streaming hat 2015 die Branche beflügelt. Die immer intelligenteren Algorithmen zur Zusammenstellung von Playlists ebnen den Weg in immer breitere Zielgruppensegmente. Musikerkennungs-Apps ermöglichen die Zuordnung irgendwo gehörter Tracks. Durch die sozialen Medien entstehen ganz neue Möglichkeiten des Austauschs über Musik und gerade die junge Generation liebt es, Empfehlungen auszusprechen und einzuholen. Es gibt unzählige Vorteile, die alle aufzuzählen hier den Rahmen sprengen würde. Lassen Sie mich abschließend nur eines sagen: Die Digitalisierung des Geschäfts birgt auch für die Musikindustrie große Chancen, die es zu erkennen und zu nutzen gilt.

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