Fünf Milliarden Euro bis 2030 – ist der Umfang des Digitalpakts Schule 2.0 hinreichend?
Der Digitalpakt Schule 2.0 ist wichtig und richtig. Er setzt ein notwendiges politisches Signal, um Innovationen anzustoßen und den Investitionsstau abzubauen. Doch dringlicher denn je stellt sich die Frage, wie Digitalisierung im Bildungssystem mittel- und langfristig finanziell abgesichert werden soll.
Bereits das Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) zur Digitalisierung hat betont, dass punktuelle Programme kaum nachhaltige Wirkungen entfalten. Digitalisierung gehört längst zur dauerhaften Grundausstattung und Weiterentwicklung von Schule. Digitale Infrastruktur, Wartung, Entwicklung, Support und pädagogische Nutzung sind keine einmaligen Investitionen, sondern laufende Kosten und kontinuierliche Aufgaben. Werden diese weiterhin überwiegend über befristete Programme organisiert, droht ein strukturelles Risiko: Fortschritt ohne Bestand.
Gerade bei einem so dynamischen Feld wie der Digitalisierung braucht es politischen Weitblick. Entscheidungen von heute müssen auch morgen noch tragen, auch wenn der Bedarf aus länger zurückliegenden Strukturentscheidungen resultiert. Für den Digitalpakt bedeutet das: Er darf nicht nur kurzfristige Fortschritte ermöglichen, sondern muss Teil einer langfristigen Finanzierungs- und Verantwortungslogik sein.
Auf welchem Stand sind die Schulen nach dem ersten Digitalpakt?
Der erste Digitalpakt hat dazu beigetragen, die technische Ausstattung vieler Schulen deutlich zu verbessern. Gleichzeitig zeigen sich klare Grenzen: Schulen nutzen digitale Technologien pädagogisch und organisatorisch sehr unterschiedlich.
Besonders Schulen in sozial herausfordernden Lagen hatten häufig größere Schwierigkeiten, die Mittel in nachhaltige Entwicklungsprozesse zu überführen. Das verweist auf ein strukturelles Problem: Programme, die stark auf Antragstellung und Einzelmaßnahmen setzen, erreichen nicht automatisch jene Schule mit dem größten Unterstützungsbedarf.
Eine enge Verzahnung mit dem Startchancen-Programm erscheint notwendig. Digitalisierung kann nur dann wirksam zur Chancengerechtigkeit beitragen, wenn sie gezielt dort ansetzt, wo strukturelle Benachteiligungen bestehen. Außerdem müssen finanzielle Mittel, personelle Unterstützung und Entwicklungsberatung zusammenwirken.
Welchen Bedarf sehen Sie bei den Lehrkräften?
Es ist weniger wichtig, Lehrkräfte für den Umgang mit einzelnen Tools zu qualifizieren. Vielmehr sollten digitale und KI-gestützte Technologien systematisch und professionell in pädagogisches Handeln integriert werden.
Lehrkräfte müssen diese Instrumente für die Diagnostik und für differenzierende Lernangebote nutzen können. Zugleich sollten sie in der Lage sein, die Grenzen der Technologien zu reflektieren. Gerade in Schulen mit besonderen Herausforderungen können digitale Werkzeuge helfen, Lernstände transparenter zu machen und Förderprozesse gezielter zu steuern.
Dafür darf Fortbildung aber nicht additiv organisiert werden, sondern muss Teil einer systematischen Personal- und Schulentwicklung sein. Zudem braucht es Zeit, Unterstützung und qualitätsgesicherte Angebote. Andernfalls droht die Digitalisierung zur zusätzlichen Belastung zu werden, statt professionelle Spielräume zu erweitern.
Wo sehen Sie besondere Potenziale für neue Konzepte?
In einer funktionalen Verknüpfung von Digitalpakt Schule 2.0, Startchancen-Programm und dauerhaft angelegten Unterstützungs- und Entwicklungsstrukturen. Der Digitalpakt kann die technischen Voraussetzungen schaffen, während das Startchancen-Programm gezielt Schulen mit hohem Unterstützungsbedarf stärkt. Beides entfaltet jedoch nur dann nachhaltige Wirkung, wenn es durch stabile Strukturen verbunden wird.
Ein zentraler Baustein hierfür könnten fest eingerichtete, länderübergreifende Zentren für digitale Bildung sein, wie sie die SWK in ihrem Gutachten empfohlen hat. Solche Zentren bündeln die Entwicklung, Evaluation und den Transfer digital gestützter Lehr- und Lernkonzepte, vermeiden Doppelstrukturen und setzen so knappe Ressourcen sowohl pädagogisch wirksam als auch ökonomisch verantwortungsvoll ein.
Zugleich ist es unerlässlich, diese Strukturen eng mit kontinuierlicher Forschung zu verbinden. Gerade weil sich digitale Technologien und insbesondere KI-Anwendungen rasant weiterentwickeln, gilt es, die Wirkungen zu überprüfen, Risiken zu identifizieren und evidenzbasierte Weiterentwicklungen zu ermöglichen.
Für Schulen – insbesondere im Startchancen-Programm – können solche Zentren verlässliche Anlaufstellen sein, um Unterrichts- und Schulentwicklung fortwährend zu unterstützen. Ein zukunftsfähiges Bildungssystem entsteht nicht über immer neue Einzelprogramme, sondern durch klare Zuständigkeiten, gesicherte Finanzierung und dauerhaft angelegte Entwicklungs- und Forschungsinfrastrukturen.



