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19.11.2018
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EUROPA ALS INDUSTRIEMUSEUM DES 20. JAHRHUNDERTS?

Warum Smart Speaker Chance und Gefahr sein können

Andreas Fauth, Chefredakteur Hörfunkschule Frankfurt

Andreas Fauth, Chefredakteur Hörfunkschule Frankfurt [Quelle: Hörfunkschule Frankfurt]


Andreas Fauth, Chefredakteur der Hörfunkschule Frankfurt sieht in Smart Speakern "eine große Chance für die Audio- und Radio-Branche". So zeige sich nun,, dass Beiträge über 1’30 Länge lange nicht tot seien. Allerdings müsse Chancengleichheit für die Inhalte herrschen.


Noch sind Smart Speaker nicht sehr verbreitet, doch schon heute sind Audio-Inhalte sind die meistgenutzten Inhalte. Welche Chancen und Risiken sehen Sie für die Audio- und Radio-Branche?
Es steht zu erwarten, dass Smart Speaker noch weiter den Markt durchdringen – das ist eine große Chance für die Audio- und Radio-Branche. So herrlich einfach neben der Hausarbeit kann der User Radio hören, Podcasts abrufen oder Musikdienste nutzen. Schon jetzt hoffen Radiomacher auf eine Renaissance ihres Mediums durch Smart Speaker. Zurecht: Denn knapp 60% der Nutzer konsumieren lineares Radio über die kleinen intelligenten Lautsprecher, so mancher Hörer dürfte durch sie den Weg zurück zum alten Medium Radio gefunden haben. Und nicht nur das: Wenn gut 7% der Smart Speaker-Nutzer Podcasts abrufen, untermauert dies das Interesse am gesprochenen Wort. Aufwändige redaktionelle Inhalte, aber auch Hörspiele sind plötzlich wieder interessant. Im linearen Radio haben so einige Programmchefs Beiträge über 1’30 Länge schon lange so gut wie für tot erklärt. Das ist also mitnichten der Fall.

Damit nehmen Smart-Speaker jedoch zugleich eine Schlüsselrolle bei der Entscheidung ein, welche der journalistischen Inhalte letztlich beim User ins Ohr gelangen. Hier taucht die Frage auf, wie Chancengleichheit unter den Anbietern gelingen kann, damit auch gute journalistische Qualität weiterhin beim Hörer ankommt.

Ein Drittel der Audio-Nutzer lässt sich über den Smart Speaker Nachrichten vorlesen – welchen Regulierungsbedarf sehen Sie hier?
Früher haben Journalisten entschieden, welche Themen so relevant sind, dass sie beim Hörer ankommen. Heute übernehmen diese Aufgabe in zunehmenden Maße die Algorithmen der sozialen Netzwerke oder Suchmaschinen. Ein Smart-Speaker ist da nicht anders. Die Frage muss erlaubt sein, wie Meinungsvielfalt in digitalen Zeiten zu garantieren ist. Ich mache mir tatsächlich große Sorgen, wie Qualitätsjournalismus in Zukunft – auch über die Smart Speaker – seinen Weg zu den Menschen findet. Die intelligenten Lautsprecher selbst sind eine Chance, der freie gleichberechtigte Zugang zu ihnen ist dann aber die Voraussetzung. Wenn wir auf diese Frage keine Antwort finden, wird sich der Nutzer allein einen Weg durchs digitale Themendickicht bahnen müssen. Er wird für sich entscheiden, welchen Quellen er vertraut und welchen nicht. Daran scheitern heute aber viele und durchaus auch mal Journalisten.

Wie sollten andere sogenannte „Skills“ von Drittanbietern reguliert werden, die Zugang zu Audio-Inhalten bieten?
Medienmacher, Plattform-Betreiber und Nutzer können diese Frage nur gemeinsam beantworten. Medienmacher müssen Audio-Inhalte in guter Qualität liefern und glaubwürdigen Journalismus unterhaltsam an die Menschen bringen. Plattform-Betreiber müssen chancengleiche Zugänge zu Smart Speakern gewährleisten und dafür sorgen, dass nicht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zum Gatekeeper für Audio-Anbieter wird. Und Nutzer müssen in einem noch stärkeren Maße lernen, wie Medien arbeiten, um glaubwürdige Audio-Inhalte von Fake-News zu trennen. Wir als Hörfunkschule Frankfurt setzen dabei auf Kompetenz: bei Medienmachern wie Nutzern. Eine gute journalistische Ausbildung ist die Basis für guten Journalismus, und Medienkompetenz ist eine Schlüsselqualifikation im digitalen Zeitalter, schon von der Schule an. Ob beispielsweise Landesmedienanstalten eine Chance haben, den Markt zu regulieren, das möchte ich sehr bezweifeln.

Fast drei Viertel der Deutschen sorgen sich bei Smart Speakern um den Datenschutz. Wie bewerten Sie das?
Europa ist das Industriemuseum des 20. Jahrhunderts – behauptet so mancher, zumindest dann, wenn er mal Silicon Valley gesehen hat. Es ist typisch für das alte Europa zu allem „ja“ ein „aber“ zu finden. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn einst kleine Startups plötzlich global eine enorm wichtige Rolle spielen: Google, Facebook & Co. Die Sorge vieler Deutscher um den Datenschutz bei den Smart Speakern kann ich trotzdem verstehen, wer will schon eine Wanze in seinem Wohnzimmer. Zugleich gehen viele völlig sorglos mit ihren Daten um und verraten in den sozialen Netzwerken und im Netz mehr über sich, als ihnen bewusst ist. Das alles deutet darauf hin, dass viele Deutsche enorm Nachholbedarf beim Wissen um digitale Chancen und Risiken haben. Hier können und sollten Politik und Regulierungsbehörden ansetzen.