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15.12.2018
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EINFALT STATT VIELFALT

Deutsche Filmproduzenten halten EU-Pläne für Nonsens

Prof. Dr. Mathias Schwarz, Direktor für Internationales, Service & Recht II, Leiter Sektionen Kino und Animation, Allianz Deutscher Produzenten - Film & Fernsehen e.V.

Prof. Dr. Mathias Schwarz, Direktor für Internationales, Service & Recht II, Leiter Sektionen Kino und Animation, Allianz Deutscher Produzenten - Film & Fernsehen e.V. [Quelle: Allianz Deutscher Produzenten - Film & Fernsehen]


"Die Filmmärkte in Europa sind vielfältig und können nur Schritt für Schritt mit einem Filmwerk “erobert“ werden - man kann diesen Prozess nicht über einen Kamm scheren und von oben herab praktisch europaweite Verwertungszwänge verordnen." Das sagt Prof. Dr. Mathias Schwarz, Direktor für Internationales, Service & Recht II, Leiter Sektionen Kino und Animation, Allianz Deutscher Produzenten - Film & Fernsehen. Eine Abschaffung des Territorialitätsprinzips würde gravierende Auswirkungen auf das gesamte filmische Schaffen in Europa haben, da Anreize für Investitionen genommen würden.


Bei der EU ist die Aufhebung des Territorialprinzips im Gespräch – danach müssten TV-Sender die Online-Rechte eines Films nur noch für ein EU-Mitgliedsland erwerben und könnten diesen dann in der ganzen EU zugänglich machen. Was halten Sie davon?
Mit einer Abschaffung des Territorialitätsprinzips würde das Recht zur Vergabe von territorial abgegrenzten Exklusivlizenzen und damit ein tragender Grundsatz des Urheberrechts für Europa faktisch abgeschafft. Damit wird die Möglichkeit, lukrative Lizenzverkäufe nicht nur in das erste Lizenzland, sondern auch in weitere territoriale Verwertungsgebiete vorzunehmen, zunichtegemacht. Wir sind überzeugt davon, dass dies gravierende Auswirkungen auf die Finanzierung von Filmen und auf das gesamte filmische Schaffen in Europa hätte, da Anreize für Investitionen genommen würden. Die Filmmärkte in Europa sind vielfältig und können nur Schritt für Schritt mit einem Filmwerk “erobert“ werden - man kann diesen Prozess nicht über einen Kamm scheren und von oben herab praktisch europaweite Verwertungszwänge verordnen. Die Verluste, die durch das Wegbrechen der Lizensierungsmöglichkeiten in Europa eintreten werden, werden - das zeigt unsere Erfahrung - mit Sicherheit auch nicht durch höhere Lizenzzahlungen des ersten Lizenznehmers, der dann ganz Europa „bedienen“ könnte, kompensiert werden.

Die Produzenten wehren sich. Wie sehr bedroht eine Aufhebung des Territorialprinzips die Filmwirtschaft in Europa?
Die deutsche Produktionswirtschaft spricht sich mit einer Vielzahl der europäischen Kollegen klar für den Erhalt des Territorialitätsprinzips aus. Ein Aufweichen der territorialen Beschränkungen für audiovisuelle Inhalte oder gar ein Verbot des Geoblockings, wie ursprünglich von der EU-Kommission im Rahmen der Schaffung eines einheitlichen digitalen Binnenmarktes gefordert, würde dazu führen, dass viele europäische Filme schlechterdings nicht mehr finanziert werden könnten. Europäische Lizenzmärkte sind territorial. Ohne diese Märkte muss man mit einem erheblichen Produktionsrückgang insgesamt und bei den Filmen, die dennoch noch hergestellt werden können, mit sinkenden Herstellungsbudgets rechnen. Gerade im Bereich der Kino-Koproduktionen würde es spürbare Auswirkungen haben, die nicht nur die Produzenten, sondern die kostenintensive Filmwirtschaft insgesamt treffen würden. Und das zu einer Zeit, in der die Verwertungsmöglichkeiten im Online-Markt und damit die Monetarisierungschancen wachsen. Damit könnten die Onlinerechte und die damit verbundenen Verwertungserlöse künftig eher noch stärker ein zentraler Baustein der Filmproduktion in Europa sein. Das wird aber nur funktionieren, wenn man den Produzenten die rechtliche Handhabe belässt, diese Rechte auch zu verwerten. Das setzt zwingend den Fortbestand des Territorialitätsgrundsatzes voraus. Ein weiteres Argument halten wir dabei für wichtig: Die gerade im Bewegtbildmarkt schon weit fortgeschrittenen Monopolbildungen des Onlinemarktes führen zunehmend zu Abhängigkeiten von wenigen Abnehmern von Lizenzproduktionen. Dieser drohenden Einbahnstraße müssen wir bewusst die Vielfalt das Kernmarktes Europa entgegensetzen. Einen wichtigen Eckpfeiler stellt hierfür das Territorialitätsprinzip dar, da sich ansonsten wenige Anbieter die faktisch europaweit zu gewährenden Lizenzrechte untereinander aufteilen werden.

Inwieweit ist der Filmmarkt in der EU überhaupt ein gemeinsamer?
Im Schatten des mächtigen US-amerikanischen Hollywood- und Mainstreamkinos hat sich in Europa eine ebenso vielfältige wie lebendige Kinolandschaft entwickelt und gerade in den letzten Jahren für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Co-Produktionen im Bereich Fiktion, Dokumentar- aber auch Animationsfilm werden sehr häufig mit mehreren europäischen Partnerländern gemeinsam hergestellt. Immer wieder gelingt es Produktionen aus einzelnen Mitgliedstaaten, auch in anderen europäischen Ländern großes Zuschauerinteresse zu wecken. Natürlich könnte hier auch noch einiges besser gemacht werden. Die Programme von Creative Europe bieten hier oft hilfreiche Ansätze. Auch bilden sich zunehmend Plattformen für europäische Lizenzverkäufe, um den Handel mit europäischen Produktionen zu vereinfachen, sowie nationale VoD-Angebote, die in Kenntnis der nationalen Vorlieben auch Filmen aus anderen Mitgliedsstaaten eine Chance geben, zu befördern. Eine Abkehr vom Territorialitätsprinzip mit der damit einhergehenden massiven Änderung des Lizenzgeschäftes würde diese Plattformen im Keim ersticken und somit nur der Monopolisierung des internationalen audiovisuellen Marktes dienen.

Von einer Aufhebung des Territorialprinzips würden insbesondere auch Zuschauer profitieren, die ihren Wohnsitz in einem anderen EU-Land gewählt haben. Welche wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung spielt diese Nutzergruppe?
Für vorübergehende Aufenthalte im Ausland hat ja schon die kürzlich verabschiedete Portabilitätsverordnung dafür gesorgt, dass die sich auf Reisen befindlichen Bürger auch im europäischen Ausland Zugang zu den von ihnen abonnierten VoD Diensten haben werden. Ansonsten zeigen alle bisherigen Studien, dass europaweit das Interesse am Zugang zu
Diensten aus anderen Mitgliedsstaaten doch eher gering ist. Das ist auch der Grund dafür, dass auch bei künftig EU-weiten Verwertungsmöglichkeiten die Lizenzzahlungen des ersten Lizenznehmers nicht oder nur marginal zunehmen werden. Im Gegenzug würde man jedoch alle Verwertungsmöglichkeiten in weiteren EU-Ländern massiv schädigen. Das würde sich dann auch zum Nachteil der Bürger in diesen Mitgliedsstaaten auswirken, da sie dann in ihren jeweiligen nationalen VoD-Diensten Filme aus anderen EU-Ländern nicht mehr zu sehen bekämen. Die Vielfalt würde somit nicht nur auf der Ebene der Produktion, sondern auch auf der Ebene der kleinen und mittleren VoD-Dienste abnehmen und der Wettbewerb somit geschwächt werden. Einen besseren Dienst kann man den internationalen und in der Regel nicht europäischen VoD-Champions nicht erweisen!