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23.09.2018
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DER JUNGE MITTELSTAND KOMMT IM TV ZU KURZ

Was Gründershows fürs Unternehmertum leisten können - und was nicht

Dr. Kai Flehmig-Pichlmaier, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Gründerverbandes

Dr. Kai Flehmig-Pichlmaier, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Gründerverbandes [Quelle: Deutscher Gründerverband]


Gründershows im TV fördern "das unternehmerische Denken der Zuschauer und inspirieren möglicherweise einige davon, es selbst mit einer Unternehmensidee zu versuchen", sagt Dr. Kai Flehmig-Pichlmaier, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Gründerverbandes. Er würde sich mehr Formate über verschiedene Gründertypen wünschen.


Nach dem Erfolg von „Die Höhle der Löwen“ folgen nun weitere Gründershows im deutschen TV. Können solche Formate aus Ihrer Sicht dazu beitragen, dass Unternehmergeist und Investitionsbereitschaft hierzulande gestärkt werden – oder ist das nur zur Unterhaltung gut?
Jährlich denken zwei Millionen Deutsche darüber nach, sich selbstständig zu machen – trauen sich aber häufig nicht, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Nicht zuletzt deshalb, weil es keine Vorbilder gibt oder auch weil ihr eigenes Umfeld der Selbstständigkeit eher kritisch gegenüber steht. Und viele Interessenten wissen auch nicht, wie sie ihre Selbstständigkeit anpacken sollen. Leider gibt es derzeit noch immer viel zu wenige Sendungen und Berichte über Unternehmer/innen, mit denen sich Gründer identifizieren können und die nicht nur informieren, sondern die angehenden Jungunternehmer auch persönlich ansprechen. Aus diesem Grund sind TV-Formate, die inspirieren und Menschen darüber nachdenken lassen, selbst ein Unternehmen zu gründen, sehr begrüßenswert! Sie können Gründungswillige motivieren und so den Jungen Mittelstand stärken.
Die Vorstellungsrunden der Gründerinnen und Gründer sind spannend inszeniert und die Zuschauer schlüpfen in die Rolle eines Unternehmers, der die wichtigsten Erfolgsfaktoren einer Gründung bewertet. Ist das Produkt marktfähig? Bringen der Gründer oder das Team die notwendigen Marktkenntnisse mit, ist genügend kaufmännisches Wissen und Vertriebs- bzw. Marketing Know-how vorhanden? Es zeigt sich also sehr schnell, ob die Kandidaten professionelle Beratung und Begleitung annehmen können und wie gut die Kontakte in den Markt sind. Indem die Shows diese Aspekte aufzeigen, fördern sie auf jeden Fall das unternehmerische Denken der Zuschauer und inspirieren möglicherweise einige davon, es selbst mit einer Unternehmensidee zu versuchen.

In Einzelfällen wurden angekündigte Investitionen letztlich aus rechtlichen oder anderen Gründen doch nicht getätigt. Ist die Wirtschaft doch zu komplex für eine Fernsehshow?
Eine Sendung wie die Höhle der Löwen verzerrt die Realität, weil sie sich rein auf Start-ups fokussiert, die eine hohe Skalierbarkeit, schnelles Wachstum und hohe Rendite versprechen. Der klassische Handwerksbetrieb, Dienstleister oder stationäre Firmen haben in der Regel ganz andere wirtschaftliche Ziele. Dieser Junge Mittelstand, der die Mehrheit der deutschen Unternehmensgründungen darstellt, kommt in diesen Sendungen viel zu kurz. Und ganz generell lässt sich feststellen, dass es hier und auch außerhalb der öffentlichkeitswirksamen Shows leider kaum Berichte über Gründer gibt – und das müssen keine Start-ups sein – die eine qualifizierte und verbindliche Beratung und Begleitung bei ihrer Gründungsfinanzierung bekommen.

Kritiker wenden ein, dass bei TV-Shows vor allem Gründer mit „handfesten“ Produkte vorgestellt werden können, Ideen für komplexere Software-Lösungen aber eigentlich die Zukunft seien. Wie sehen Sie das?
Das ist richtig. Denn Zukunft haben all diejenigen Unternehmen und Ideen, die vom Markt akzeptiert werden – egal, ob es sich dabei um ein haptisches Produkt, eine Software-Lösung, einen neuen Handwerksbetrieb oder beispielsweise einen Dienstleister im Pflegebereich handelt. Deshalb zeigen die Unternehmen, die in den Shows vorgestellt werden, ganz klar nur einen kleinen Ausschnitt aus dem breitgefächerten Gründungssektor. Denn komplexe Lösungen wie Software-Applikationen für B2B-Unternehmen werden am besten gemeinsam mit Kunden entwickelt und sind in der Tat, nicht für Formate wie Höhle der Löwen geeignet. Spannend wären in diesem Zusammenhang z.B. TV-Dokumentationen, die die Entwicklung und den gesamten Prozesse einer Unternehmensgründung bis hin zur Etablierung im Markt aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. Formate, die beschreiben, welche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Gründung notwendig sind und die dem Publikum verschiedene Gründertypen bzw. Role Models vorstellen - ein Beispiel finden Sie unter https://www.youtube.com/watch?v=8DgPSJtdE20

Nach verschiedenen Medien-Berichten sprechen Gründershows maßgeblich junge Frauen an. Wie erklären Sie sich das?
Erfolgreiche TV-Formate, wie die Höhle der Löwen, bedienen laut dem Medienexperten Thomas Lückenrath drei Grundbedürfnisse der Zuschauer: Neugier, Gerechtigkeit und Nutzen. Damit sprechen sie Frauen und Männer gleichermaßen an. Aber wir sehen ganz klar die Entwicklung, dass sich immer mehr Frauen trauen, ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Ausschlaggebend hierfür ist häufig ein starrer Arbeitsalltag, die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie ebenso wie mangelnde Wertschätzung und häufig auch eine nach wie vor eine Benachteiligung bei Gehalt und Aufstiegschancen. Insbesondere die Finanzierung ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für jede Unternehmensgründung und zugleich aber auch die größte Hürde. Frauen haben es bei der Kreditvergabe besonders schwer. Das liegt sowohl an tief verankerten Geschlechterklischees und Rollenbildern als auch daran, dass die Kreditprogramme der Banken meist auf hohe Beträge und männliche dominierte Branchen zugeschnitten sind. In den TV-Formaten können sich die jungen Frauen von erfolgreichen Kandidatinnen inspirieren lassen und finden Vorbilder, die ihnen zeigen, dass sie ihre Ideen trotz so mancher Hürde erfolgreich umsetzen können.