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Interview22.06.2016

1LIVE inszeniert Geschichten in eigenen Videoformaten

Wie die junge Welle des WDR die verschiedenen Ausspielwege bedient

Maurice Gully, Contentchef Radiowort und Online beim WDR Köln Quelle: WDR Maurice Gully Contentchef Radiowort und Online Westdeutscher Rundfunk Köln
INITIATOR DIESER FACHDEBATTE
Alexander Hiller
Redakteur
Meinungsbarometer.info
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Eine Webcam, die ein Radiostudio zeigt, findet Maurice Gully, Contentchef Radiowort und Online beim WDR, „stinklangweilig“. Die junge Welle des WDR setzt auf eigene Formate für verschiedene Ausspielwege – und auf journalistische Qualität.





Webcam im Studio, Clips von Gästen – welche visuellen Inhalte braucht das moderne Radio heute und in Zukunft?
Auch wir haben eine Webcam bei 1LIVE. Doch so richtig „state of the art“ ist das eigentlich nicht mehr. Deswegen sind wir dazu übergegangen, Radioinhalte visuell anders aufzuwerten. Es ist meiner Meinung nach stinklangweilig, einfach nur ein Radiostudio anzugucken, in dem Moderatoren sitzen – es passiert ja visuell nichts. Es gibt die Ausnahmesituationen, wenn Künstler kommen oder wenn etwas Besonderes passiert. Wir hatten zum Beispiel mal ein Kamel im Studio, dann wird natürlich eine Webcam interessant.
Wir laden immer wieder große Stars ins Studio ein, wie Biffy Clyro, Robbie Williams oder Carolin Kebekus aus der Comedy-Schiene. Dann macht eine Webcam Sinn, weil der Hörer sich den Star angucken kann. Wir gehen dann aber einige Schritte weiter und inszenieren Radiosituationen und packen sie in Geschichten.

BBC-Moderator Greg James bricht mit einem Video mit Talyor Swift gerade Click-Rekorde. Welche besonderen Videoformate gibt es in Ihrem Hause?
Wir haben eigene Videoformate, die mit dem 1LIVE-Kosmos zu tun haben, aber nicht unbedingt mit der aktuellen Radiosendung. Diese Produktionen sind aufwendiger. Verschiedene Comedy-Formate verbreiten wir regelmäßig über YouTube, etwa den „Babo-Bus“ oder auch die „Generation Gag“.
Wir haben auch den „Fragenhagel“ entwickelt – ein eigenes 1LIVE-Video-Clip-Format. Wenn zum Beispiel Lena Meyer Landrut ins Studio kommt, gibt sie zunächst dem Moderator ein Radio-Interview. Dann bitten wir sie in das kleine Fernsehstudio von 1LIVE und dort entsteht der 1LIVE-Fragenhagel. Das Prinzip ist so: Der Künstler steht vor einer Wand und wird sehr close schwarz-weiß gefilmt. Dann beantwortet der Künstler über zwei Minuten Fragen, diese werden sehr getaktet gestellt. Der Star muss also sehr schnell reagieren, so kommen spontane Situationen zustande. Das machen wir mit allen Künstlern und das geht weg von der aktuellen Radio-Livesendung zu Inhalten, die aufwendig im Hintergrund produziert werden.

Nutzen Sie Meerkat, Periscope oder ähnliche Streaming-Apps – und wenn ja für welche Übertragungen?
Nein. Wir bieten manchmal Live-Streams an, von der Krone beispielsweise, dem größten deutschen Radio Award. Gelegentlich streamen wir, wenn Stars bei uns zu Gast sind. Das sind aber wirklich Ausnahmesituationen. Denn wir haben die Erfahrung gemacht, dass der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen steht. Das ist auch mit Mercato oder Periscope so.

Der neuste Social-Media-Hype ist der Versand von Bildern oder Clips über Snapchat. Wie ist Ihr Haus auf Snapchat unterwegs?
Wir nutzen Snapchat als sehr aktuelles Medium, um unmittelbare Geschichten zu erzählen, praktisch während sie entstehen. Wir verbreiten die Inhalte ohne große Postproduktion.
Wir geben zum Beispiel Künstlern unser Redaktionshandy und lassen sie einen Overtake machen, so entsteht eine „künstlerisch-feindliche Übernahme“ - mit einem Augenzwinkern. Dann snapt der Künstler praktisch selbst. Als neulich Felix Jaehn mit Herbert Grönemeyer in unserem Studio war, hat er fünf oder sechs verschiedene Snaps verbreitet. Zuletzt haben Comedians einen solchen Overtake gemacht. So bekommen die Zuschauerinnen und Zuschauer einen Eindruck davon, wie es bei einem 1LIVE-Interview aussieht. Und das in einer komprimierten Geschichte.

Wie muss sich die Ausbildung von Radiojournalisten für die Produktion multimedialer Inhalte künftig ändern?
Ich glaube, dass es in ein paar Jahren nicht mehr den Fernseh- oder den Radio- oder den Online-Journalisten gibt. Im besten Fall bringen die Leute eine intrinsische Motivation für den Medienmix mit. Schließlich sind die jungen Menschen, die heute bei uns anfangen, „digital natives“. Man muss jungen Volontären und jungen freien Mitarbeiten natürlich Angebote machen, ihr Handwerkszeug für die verschiedenen Ausspielwege zu erlernen. Die verschiedenen sozialen Medien unterliegen ganz unterschiedlichen Regeln, es ist auch nicht jedes Thema, für jeden Ausspielweg gleich gut geeignet. Ich plädiere für eine umfassende Ausbildung, eine 360-Grad-Ausbildung. Und zwar lebenslang. Das war schon immer wichtig, aber in dieser schnelllebigen Zeit wird es immer wichtiger.
Am bedeutsamsten erscheint mir allerdings, dass stets die Qualität stimmt. Wir müssen in allererster Linie den Journalisten als solchen ausbilden. Das journalistische Handwerk wird für alle Formate und Ausspielwege gebraucht.

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