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18.02.2018
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Warum künftig mehr Schulungen und Feedbackfahrten nötig sind

Jörg-Michael Satz, Präsident des MOVING International Road Safety Association e. V.

Jörg-Michael Satz, Präsident des MOVING International Road Safety Association e. V. [Quelle: MOVING International Road Safety Association e. V.]


"Assistenzsysteme bedeuten aus unserer Sicht mehr Aufträge für die Fahrschulen." Das sagt Jörg-Michael Satz, Präsident des MOVING International Road Safety Association. "Ich bin des Weiteren überzeugt, dass wir noch weit davon von einem Verkehr entfernt sind, in dem der Mensch nur passiv teilnimmt und autonome Fahrzeuge fehlerfrei und ohne Unfälle in Massen auf den Straßen unterwegs sein werden. Vielmehr befinden wir uns derzeit am Anfang einer Übergangsphase, in dem die Technik nicht in der Lage ist, sich ohne Risiko, vollkommen autonom zu bewegen." Hier müssten Fahrschulen weiterhin geschulte Fahrer ausbilden, die die Technik überwachen und gegebenenfalls die Kontrolle übernehmen können.


Die Fahrschul-Branche ist im Wandel. Erwarten Sie durch die nun gültigen Neuregelungen etwa zu Gemeinschaftsfahrschulen und Kooperationen eine stärkere Konzentration auf dem Markt?
Die Neuregelungen werden bestimmt dazu führen, dass sich einige kleine Fahrschulen zu größeren Einheiten zusammenschließen. Dies zeigt auch unsere repräsentative Umfrage im MOVING Fahrschul-Klima-Index, wonach sich 15 % der Fahrschulen zu Gemeinschaftsfahrschulen zusammenschließen wollen. Manche Fahrschulen konnten vorher aufgrund der Betriebsstellenbegrenzung nicht so viele Filialen eröffnen, wie sie gern wollten, sondern waren gezwungen über Umwege und Neugründungen ihr Geschäft auszubauen, meist zu erheblichen Mehrkosten. Die Reform eröffnet ihnen jetzt mehr Freiheiten. Auch die neuen Möglichkeiten der Kooperation und der Bildung von Gemeinschaftsfahrschulen wird die wirtschaftliche Situation vieler Fahrschulen verbessern, zum Beispiel können Auftragsspitzen dadurch bewältigt werden, dass Teile der Fahrausbildung an kooperierende Fahrschulen abgegeben werden können. Laut unserer Umfrage befürworten dies vor allem sehr großen Fahrschulen. Auch in der Umsatzsteuerstatistik zeigt sich, dass die Anzahl der großen umsatzstarken Fahrschulen zunimmt. Gesunde Fahrschulen werden die neuen Möglichkeiten nutzen und wachsen.

Die Branche klagt über eklatanten Nachwuchsmangel. Wie bewerten Sie die Neuregelungen mit Blick darauf und wie müssten sich Rahmenbedingungen darüber hinaus ändern, um dem Nachwuchsmangel zu begegnen?
In der Tat haben wir bei MOVING bereits festgestellt, dass sich der Wettbewerb vom Kampf um die günstigsten Fahrstunden auf den Kampf um geeignetes Personal, mit einhergehendem Gehaltsanstieg, verlagert hat. Das haben wir auch in unseren regelmäßigen Branchenbefragungen festgestellt. Die Ergebnisse werden in unserem neuen Branchenreport in Kürze veröffentlicht.
Ich denke, das neue Fahrlehrergesetz bietet einen wichtigen Anstoß, den Fahrlehrerberuf bei der Jugend wieder attraktiv zu machen. Auf der einen Seite wurde die Altersbeschränkung von 22 auf 21 Jahren herabgesetzt, und die Zugangsvoraussetzungen der Führerscheinklassen A2 und CE fallen gelassen. Auf der anderen Seite wird mittlerweile nur noch eine langjährige Berufserfahrung vorausgesetzt um Fahrlehranwärter zu werden. Zudem unterstütz der Einsatz von Fahrsimulatoren nicht nur die Ausbildung, sondern kann auch den Fahrlehrermangel abdämpfen, wenn gesetzlich Rahmenbedingungen geschaffen werden sollten.
Dennoch müssen wir zusätzlich daran arbeiten, das Image des Fahrlehrers zu verbessern und den Beruf speziell bei Frauen beliebter zu machen. Ihr Anteil stagniert in den letzten Jahren bei etwa 9 %. Außerdem sollte mehr Beachtung finden, dass der Beruf eine hervorragende Zukunftsperspektive hat und Fahrlehrer heute und zukünftig einen entscheidenden Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten.

Wie könnten sich der Markt durch die demografischen Veränderungen hierzulande künftig verändern? Etwa Verschiebung von Erstausbildung zu Nachschulungen - sehen Sie ggf. Regelungsbedarf für verpflichtende Nachschulungen für ältere Führerscheinbesitzer?
Wir stellen bei MOVING fest, dass der Erwerb eines Führerscheins bei den Jugendlichen heutzutage nicht mehr so wichtig ist - sie machen ihn tendenziell später. Dementsprechend werden die Fahrschulkunden älter. Aber das eigne Mobilitätsbedürfnis kommt auch stark darauf an ob man in der Stadt wohnt, wo der öffentliche Verkehr gut ausgebaut ist, oder in der Provinz, wo einmal am Tag der Bus durchfährt.
Dass die Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten zunehmend altert lässt sich nicht von der Hand weisen. Dementsprechend werden auch die Verkehrsteilnehmer immer älter und wir müssen davon ausgehen, dass Fahrer auch im hohen Alter noch daran fest halten eigenständig zu fahren. Hierzu fordert MOVING schon seit langem Maßnahmen nach dem Konzept des lebenslangen Lernens. Denkbar ist zum Beispiel, dass Ältere Verkehrsteilnehmer angehalten werden an Schulungen teilzunehmen, die Ihnen die Funktionsweisen von Assistenzsystemen beibringen.
Durch solche Schulungen und Fahrtrainings, aber auch Feedbackfahrten mit Senioren, können Fahrschulen einen wesentlichen Beitrag zur Erhöhung der Verkehrssicherheit leisten. Ob solche Schulungen verpflichtend oder freiwillig sein sollten, muss die Politik entscheiden. Es nützt jedoch nichts, wenn sie freiwillig sind und kaum wahrgenommen werden.
Auch die gestiegene Zuwanderung nach Deutschland bietet Chancen für die Fahrlehrerschaft. 23 % der zugewanderten Personen im Jahr 2015 waren zwischen 18 und 24 Jahren alt, grob etwa 460.000 Jugendliche. Genau das richtige Alter für einen Führerschein. Demgegenüber wird der demographische Schwund an Jugendlichen pro Jahr erst in den 2020er Jahren die Hunderttausendermarke übersteigen.

Assistenzsysteme und selbstfahrende Auto – wie werden solche Entwicklungen mittel- oder langfristig das Berufsbild ändern?
Wie oben schon verdeutlicht bedeuten Assistenzsysteme aus unserer Sicht mehr Aufträge für die Fahrschulen. Ich bin des Weiteren überzeugt, dass wir noch weit davon von einem Verkehr entfernt sind, in dem der Mensch nur passiv teilnimmt und autonome Fahrzeuge fehlerfrei und ohne Unfälle in Massen auf den Straßen unterwegs sein werden. Hierfür fehlt es neben der ausgereiften Technik auch an der digitalen Infrastruktur und den gesetzlichen Rahmenbedingungen. Vielmehr befinden wir uns derzeit am Anfang einer Übergangsphase, in dem die Technik nicht in der Lage ist, sich ohne Risiko, vollkommen autonom zu bewegen. Hier müssen Fahrschulen weiterhin geschulte Fahrer ausbilden, die die Technik überwachen und gegebenenfalls die Kontrolle übernehmen können. Außerdem erwarten wir, dass sich das autonome Fahren erst auf Autobahnen etablieren wird, zu denen man immer noch selbst hinfahren muss. Danach werden wahrscheinlich Städte eingebunden und erst zum Schluss der ländliche Raum.
Es gibt also auch in Zukunft noch genug Raum für Fachschulen um zu wachsen.