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Interview08.10.2026

Kommunikation als Vertrauens- und Glaubensfrage

Warum KI weder charismatisch noch authentisch sein kann

Christoph Polus - Sound Designer und Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste Quelle: pr Christoph Polus Sound Designer und Dozent Zürcher Hochschule der Künste
INITIATORIN DIESER FACHDEBATTE
Dipl.- Journ. Nikola Marquardt
Founder & Herausgeberin
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Bei Routineaufgaben sieht Christoph Polus die KI als großen Gewinn. Wenn KI aber menschliche Nähe vorspielt und nicht klar ist, dass hier eine Maschine am Werk ist, sieht er das als Täuschung. Damit verbinden sich eine Reihe von Problemen und Herausforderungen in der Kommunikation und im Aufbau von Vertrauen in der Kommunikation. Als Sound Designer und Dozent für Audio an der Zürcher Hochschule der Künste verrät er auch, welche Vertrauens-Signale die KI bereits heute schon nachahmen kann. 





KI beantwortet Mails, schreibt Texte und meldet sich am Telefon - wie verändert sich Kommunikation durch die KI grundsätzlich?
Durch massenhafte, maschinelle Produktion von Texten mit der KI wird das schriftliche Wort entwertet. Auch gute Inhalte gehen unter in einer Flut von generierten Texten. Live-Gespräche zwischen Menschen gewinnen dafür wieder an Wert.

Bei Routineaufgaben ist KI ein großer Gewinn. Sie kann rund um die Uhr Fragen beantworten, lange Gespräche zusammenfassen oder Texte verständlicher machen.  Menschen erhalten schneller Hilfe, können sich weiterbilden und Unternehmen sparen Zeit und Geld.

Schwierig wird es, wenn KI menschliche Nähe vorspielt. Schon heute führt die KI ganze Verkaufsgespräche oder schreibt präzise personalisierte Nachrichten, um Menschen zum Kauf zu bewegen. Wenn nicht klar ist, dass hier eine Maschine spricht, entsteht eine Täuschung.

Das Problem ist also nicht die KI. Entscheidend ist, wie wir sie einsetzen. Unterstützt sie einem Menschen bei seiner Arbeit? Oder ersetzt sie ihn heimlich und spielt Interesse und Mitgefühl vor? Kommunikation wird so zur Vertrauens- und Glaubensfrage. Wenn Inhalte und Gespräche in Serie maschinell entstehen: Wem kann man noch vertrauen?

Wer heute Marketing macht, muss mehr Zeit investieren, um das Vertrauen aufzubauen, das durch solche Täuschungen verlorengeht. Für Unternehmen bedeutet das: Wer KI als effizientes Werkzeug nutzt und das an den entscheidenden Stellen transparent macht, aber in der Beziehung zu Kunden den menschlichen Faktor nicht ersetzt, kann Zeit sparen, ohne Vertrauen zu verlieren.

Diese Kombination wird in den kommenden Jahren in der Kommunikation immer wichtiger.

Welche Rolle spielt der Faktor Mensch in der Kommunikation in Sachen Glaubwürdigkeit und Vertrauen?
Der Faktor Mensch ist ganz entscheidend. Ein Mensch verdient sich Vertrauen, indem er Verantwortung übernimmt und mit seinem Namen für seine Aussagen einsteht.

KI kann menschlich klingende Texte schreiben, mit einer menschlichen Stimme sprechen und sogar Sprechmelodie, Pausen und Atemgeräusche einbauen. Als Sound Designer und Dozent für Audio an der Zürcher Hochschule der Künste baue ich Klangwelten, die täuschend echt klingen. Ich kenne diese Tricks. An Atmung, Tempo und Klang glauben wir zu hören, ob jemand angespannt ist oder sich freut. Noch bevor wir darüber nachdenken, was gesagt wurde, gibt uns die Stimme schon einen Eindruck. Doch genau diese Signale kann KI heute nachahmen.

Eine KI kann sagen, sie freue sich über ein Lob. Oder mit einem Seufzen erklären, sie wisse, wie sich ein stressiger Alltag mit vollgepacktem Kalender anfühlt. Aber sie empfindet weder Freude noch Mitgefühl. Sie hat nichts davon selbst erlebt. Problematisch wird es, wenn diese Darstellung als echtes Gefühl verkauft und in der Kommunikation benutzt wird, um uns etwas vorzutäuschen.

Einer KI trauen wir zu, bestimmte Aufgaben schnell und gut zu erledigen. Persönliches Vertrauen entsteht aber durch das, was Menschen zusammen durchleben, wie sie Verantwortung übernehmen und durch eine Beziehung über längere Zeit.

In meiner Arbeit mit Podcasts sehe ich, wie Vertrauen über längere Zeit entsteht. Wir erleben Menschen über viele Folgen und merken, ob ihre Haltung und ihre Aussagen zusammenpassen. Das macht sie greifbar.

Lassen sich Faktoren wie Authentizität und Charisma erlernen - und wenn ja wie? 
Ja, beides kann man lernen. Das beobachte ich seit 20 Jahren bei meiner Arbeit mit Stimmen und Podcasts. Ich habe erlebt, wie unsichere Sprecher zu charismatischen und authentischen Persönlichkeiten wurden. Charisma wächst mit der eigenen Sicherheit und echter Aufmerksamkeit für andere. Wer seine Auftritte übt und seine Persönlichkeit ungeschönt zeigt, prägt sich ein.

Ich erlebe in meinen Podcast-Trainings, dass manche Teilnehmer nach wenigen Folgen merklich souveräner und anziehender auftreten. Nur durch die Praxis. Authentizität entsteht, wenn es keinen Widerspruch zwischen inneren Werten und Gefühlen einerseits und dem eigenen Handeln andererseits gibt.

Wer etwa in einem Meeting schweigt, obwohl ihm die Sache wichtig ist, sich aber später privat beklagt, dass sich nichts ändert, spürt diesen Widerspruch – und andere spüren ihn auch. Wer seine Meinung auch dann sagt, wenn es unangenehm ist, ist authentisch.

Die KI kann weder charismatisch noch authentisch sein. Sie kann zwar so *wirken*, aber sie hat keine eigenen Werte, Gefühle oder Überzeugungen. Sie leitet ihre Antworten aus ihrer Wissensdatenbank, den eingegebenen Anweisungen und mathematischen Modellen ab. Wer der KI schon einmal gesagt hat, ihre Idee sei dumm, erlebt oft, dass sie ihre Meinung ändert wie ein Fähnchen im Wind.

Wer als Person aus der Masse der KI-Inhalte herausstechen will, muss deshalb seine eigenen Erfahrungen, Überzeugungen und seine persönliche Sprache zeigen.

Welche rechtlichen Regeln halten Sie in diesem Zusammenhang für KI für nötig oder auch überflüssig?
Es braucht Augenmaß bei neuen Regeln, eine konsequente Durchsetzung von bestehenden Gesetzen und eine gewisse KI-Kompetenz im Alltag. Betrug wird mit KI deutlich einfacher. Stimmen und Gesichter lassen sich mit wenigen Aufnahmen kopieren. So entstehen gefälschte Notrufe von angeblichen Angehörigen, die dringend Geld brauchen. Das Recht an der eigenen Stimme und am eigenen Bild muss deshalb auch bei KI geschützt werden. KI-Firmen müssen Wege finden, sicherzustellen, dass ihre Modelle nicht für Betrug genutzt werden.

Eine eigene KI-Kompetenz hilft dabei, nicht auf jeden Fake reinzufallen. Die allgemeine Kennzeichnung für jegliche Nutzung von KI halte ich aber für überflüssig. Niemand muss angeben, dass er einen Text bearbeitet oder ein eigenes Bild verschönert hat. Aber wenn eine KI mit uns chattet, telefoniert oder über einen Vertrag verhandelt, muss das klar erkennbar sein. Solche Massnahmen helfen, das Vertrauen in digitale Kommunikation und Online-Geschäfte zu erhalten. Und das ist wichtig, weil Online-Geschäfte von Vertrauen leben. Wenn wir online immer weniger erkennen, was echt ist, braucht der Aufbau von Vertrauen immer mehr Aufwand.

Täuschung ist der Kern des Problems. Wer KI nutzt, um Menschen zu täuschen, muss dafür die Verantwortung tragen.

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