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18.06.2019
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IM PRINZIP SIND WIR ALLE SCHON CYBORGS

Warum wir uns schleunigst mit großen Veränderungen befassen sollten

Lars Thomsen, Chief Futurist, future matters AG

Lars Thomsen, Chief Futurist, future matters AG [Quelle: future matters AG]


Lars Thomsen tut sich schwer mit dem Begriff „digitale Trends“. "Das liegt vor allem daran, weil der Trends der „Digitalisierung“ seit 30 Jahren läuft und im Prinzip abgeschlossen ist", erklärt der Zukunftsforscher. Viel wichtiger sind ihm die Veränderungen, die nun bevorstehen.


Sprachassistenten gelten auch für 2019 als ein großer Trend – wie werden Sprachassistenten die nächste Zukunft verändern?
Meiner Meinung nach werden wir bald nicht mehr von „Sprachassistenten“, sondern nur noch von „Persönlichen Assistenten“ sprechen, die diesen Namen dann auch (endlich) verdienen. Stellen sie sich vor, sie hätten ständig einen smarten Begleiter bei sich, der genauso gut wie heute ein Mensch wiederkehrende Routinen beherrscht, wie beispielsweise Termine zu koordinieren, Reisen zu planen, Dinge zu bestellen, Sie an wichtige Aufgaben oder Entscheidungen zu erinnern und sie dabei bestmöglich zu unterstützen, Ihre Reisekosten und Spesen zusammenzustellen und sogar ihre Steuererklärung komplett zu übernehmen.

Mehr noch: Dieser Assistent ist bei Ihnen, wenn Sie etwas Neues lernen und kann Ihnen helfen, es noch besser zu verstehen oder es Ihnen noch einmal zu erklären, wenn Sie es vergessen haben sollten. Er wird Ihnen bei Gesprächen und Telefonaten zuhören und sie ggf. auf der Rückfahrt im Auto freundlich coachen, was Sie bei ihren nächsten Gesprächen besser machen könnten. Er wird in Besprechungen das Protokoll schreiben und zudem dafür sorgen, dass die Informationen, die Sie versprochen haben an die anderen Teilnehmer übersendet werden, nachdem er Sie noch einmal formal und inhaltlich überprüft und ggf. verbessert hat. Er wird, während Sie andere Aufgaben machen, ihre E-Mails und WhatsApps lesen, diese nach Relevanz, Projekten, Aufgaben und Themen ordnen und sie mit Ihnen bei nächster Gelegenheit besprechen, wobei er in der Regel (wie heute ein guter Vorstandsassistent) mehr als 90% der damit verbundenen Arbeit selbst übernehmen kann.

Er wird ihnen auf dem Weg zu einem Kunden ein umfangreiches Briefing und Tipps geben, und sogar wenn Sie in Ihrer Beziehung Stress haben sollten, Ihnen als Coach helfen können, Kompromisse oder gar Lösungsstrategien zu finden, die sich weltweit in der Vergangenheit 100.000-fach bewährt haben, sie aber noch nicht kennen.

Dies alles – und wohl einiges mehr – wird jedem von uns innerhalb der kommenden 200 Wochen zur Verfügung stehen. Umsonst – oder sagen wir besser: kostenlos. Allen Bedenken in Bezug auf Daten- und Persönlichkeitsschutz zum Trotz: Viele Menschen in aller Welt werden diese Dienste in Anspruch nehmen – und es wird ihr Leben mehr verändern als die Entwicklung des Internet und der mobilen Kommunikation der letzten 20 Jahre unser Leben und Arbeit verändert hat.

Virtual Reality (VR), Augmented Reality (AR) und Mixed Reality (MR) wachsen seit Jahren und dennoch wurden lange nicht alle Erwartungen bei den Marktplayern erfüllt. Kommt der große Durchbruch auf dem Massenmarkt nun?
Im Prinzip sind wir alle schon Cyborgs – wir erweitern unsere mentalen Fähigkeiten durch sehr körpernah getragene Technologie (also Smartphones mit Daten-Flatrates). Neben der Möglichkeit, hiermit jederzeit und kostenlos auf fast das gesamte Wissen der Menschheit zugreifen zu können, bieten diese Geräte auch VR, AR und MR – und zwar bereits in einem erstaunlichen Ausmaß. Optische Echtzeit-Übersetzungen von Schildern in allen Sprachen und Snapchat sind AR- und MR-Anwendungen, die mehr als einer Milliarde Menschen zur Verfügung stehen. Aber auch in Forschung und Lehre, komplexen Industrieanwendungen, dem Militär und in Head-up-Displays in Fahrzeugen schießen diese Technologien derzeit wie Pilze aus dem Boden. Wir sollten uns nicht dem Irrglauben hingeben, dass VR, AR und MR nur in Verbindung mit einer klobigen Brille funktioniert.

Experten sehen eine zunehmende Bedeutung von Autonomen Dingen wie etwa Fahrzeugen, Robotern oder Drohnen. Welche Bereiche unseres Lebens könnte derartige Technik im Jahr 2019 erobern?
Bereits in diesem Jahr werden in Dubai erste Menschen mit autonomen Flugdrohnen fliegen – sogar u.a. in einer deutschen Konstruktion. In den USA haben mehr als 60 Unternehmen und Institute im letzten Jahr die Lizenz erhalten, autonome Fahrzeuge im öffentlichen Straßenverkehr zu testen und wenn man im Silicon Valley an der Ampel steht, wundert man sich nur noch als naiver Tourist über die viele autonomen Fahrzeuge, die dort an einem vorbeifahren. Robotik macht in den kommenden drei Jahren einen wichtigen Schritt: Neben der seit vielen Jahren bekannten Industrie-Robotik werden die Maschinen mobil und interagieren mit Menschen im Alltag. So gehen wir davon aus, dass in ca. 150 Wochen es normal sein wird, seine Pakete an der Tür von einem Roboter übergeben zu bekommen. 

Welche digitalen Trends sind für Sie daneben die wichtigsten für das Jahr 2019?
Ich tue mich etwas schwer mit dem Begriff „digitale Trends“. Das liegt vor allem daran, weil der Trends der „Digitalisierung“ seit 30 Jahren läuft und im Prinzip abgeschlossen ist: Die meisten Technologien und Prozesse, die digitalisierbar waren, wurden nun von analog auf digital umgestellt. Die Frage, die sich für mich stellt ist eher: Was kommt nach dem Trend der Digitalisierung? Wir nennen den nächsten Megatrend intern „Das Ende der Dummheit“ – und dies bezieht sich leider nicht auf die Menschheit, sondern auf Computer. Während bislang Computer zwar viele Daten „verarbeiten“ konnten, waren sie nicht in der Lage, diese zu verstehen, zu interpretieren und zu lernen. Künstliche Intelligenz ist somit ein komplett neues Paradigma, welches den Einsatz und die Fähigkeiten von Computern (und deren Interaktion mit den Menschen) auf eine ganz andere Ebene hebt.

Der Umbruch in unserer Arbeit und Gesellschaft durch massive Künstliche Intelligenz wird wohl noch heftiger ausfallen als die Erfindung der Dampfmaschine und der industriellen Revolution vor rund 200 Jahren, nur dass wir diesmal von einem Zeitraum von weniger als 600 Wochen sprechen. Wir sollten also schleunigst anfangen, nicht mehr von Digitalisierung als Megatrend zu sprechen, sondern uns auf allen gesellschaftlichen Ebenen mit Künstlicher Intelligenz und ihren Möglichkeiten, Chancen und Gefahren auseinandersetzen. Ich hoffe sehr, dass dies 2019 endlich anfängt, denn wir sind bei dieser Diskussion eigentlich schon zu spät dran, um tatsächlich noch mitgestalten zu können.