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21.02.2017 | INTERVIEW ZUR DEBATTE: ZUM DEBATTENVERLAUF →

FLEXIBLE STROMTARIFE KÖNNTEN HÖHERE GRUNDGEBÜHREN BEDEUTEN

Wie die Digitalisierung den Strommarkt verändert

Dr. Oliver Rottmann, Geschäftsführender Vorstand Kompetenzzentrum Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge e. V. an der Universität Leipzig

Dr. Oliver Rottmann, Geschäftsführender Vorstand Kompetenzzentrum Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge e. V. an der Universität Leipzig [Quelle: Swen Reichhold]


Die Deutschen stehen der digitalen Energie-Zukunft positiv gegenüber. Doch wissen sie wirklich, was auf sie zukommt. Dr. Oliver Rottmann, Geschäftsführender Vorstand Kompetenzzentrum Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge e. V. an der Uni Leipzig, setzt auf den mündigen Verbraucher und sieht Nachholbedarf bei den Netzen.


Die Deutschen befürworten flexible Stromtarife nach dem jeweiligen Energie-Angebot – viele um Kosten zu sparen. Inwieweit sind flexible Tarife auch günstiger?
Grundvoraussetzung ist hier das Vorhandensein der erforderlichen Technologie, der Smart Meter. Denn nur wenn der Verbraucher den Verbrauch seiner Geräte kennt und zugleich regelmäßig Informationen über die im Netz verfügbare Strommenge und den Strompreis erhält, können flexible Tarife helfen, Strom und damit Stromkosten zu sparen. Jedoch muss das nicht zwingend günstiger sein als bisherige Verhaltensmuster und Tarifgestaltungen. Einerseits stockt derzeit der Ausbau von Smart Metern, zudem würden die Kosten sicherlich auf den Verbraucher umgelegt. Weiterhin sind bisher wenig flexible Tarife am Markt vorhanden. Dennoch bleibt auch mit Technologie und passendem Tarif die Frage, wie die Kosten auf den Verbraucher umgelegt würden. Damit wären deutlich höhere Grundtarife als bisher denkbar oder relativ lange Vertragslaufzeiten, bei welchen im Falle eines überdurchschnittlichen Anstiegs der Strompreise des Anbieters kein Wechsel möglich wäre. Daher kann nicht präzise gesagt werden, ob diese Tarife auch wirklich günstiger ausfielen.

Eine überwältigende Mehrheit begrüßt den kompletten Umstieg auf erneuerbare Energien bis 2050. Was bedeutet der Komplettumstieg für die Energieproduktion und die Netze?
Zunächst bedeutet dieser Umstieg, dass die Stromerzeugung schwer steuerbar ist. Ferner bestünde die Gefahr, dass nicht immer zu jeder Zeit die Strommenge verfügbar wäre, welche erforderlich ist (Problematik der Lastspitzen). Konventionelle Kraftwerke können immer Strom produzieren, auch wenn besonders viel benötigt wird. Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ist hingegen volatil: Strom wird immer dann produziert, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint – unabhängig vom Bedarf. Noch größer sind die Folgen für die Netze: Es wäre ausnahmslos jederzeit ein Gleichgewicht von Einspeisung (Erzeugung) und Ausspeisung (Verbrauch) erforderlich, da anderenfalls die Versorgungssicherheit gefährdet ist. Wenn bspw. zu besonders windreichen Zeiten nur ein geringer Stromverbrauch vor Ort herrscht, kann der erzeugte Strom die Netzkapazitäten überfordern. Derzeit sind die Übertragungsnetze, aber auch die Verteilnetze hierfür noch nicht entsprechend ausgerüstet, es muss folglich deutlich mehr in die Netze investiert werden.

Bei einem Wechsel der Stromanbieter beklagen 43 % der Befragten, dieser sei zu kompliziert. Was kann man dagegen tun?
Es ist die Frage, was diese mit „zu kompliziert“ gemeint ist. Grundsätzlich existieren hierfür zahlreiche übersichtliche Online-Plattformen und -Anbieter, die entsprechende Stromtarife vergleichen und Hinweise zum Wechsel geben. Auch übernehmen viele Stromanbieter die damit verbundenen formalen Schritte, der Kunde hat im Prinzip nur ein Formular zum Stromanbieter-Wechsel auszufüllen und dem neuen Anbieter zukommen zu lassen. Dabei kann eine Hürde in der Nutzung von Online-Angeboten selbst liegen. Aber auch wenn dies nicht der Fall sein sollte, ist auch bei der Wahl eines neuen Stromanbieters eine aktive Beschäftigung des Kunden mit den Tarifen etc. erforderlich. Denn die Vielfalt an Tarifangeboten, Vertragskonditionen und dergleichen, aber auch das individuelle Verbrauchsverhalten eines jeden Kunden, macht ein persönliches Mitwirken unabdingbar. Hier ist eine entsprechende Überlegung, wie bei jeder anderen Kaufentscheidung auch, erforderlich.

Viele Befragte sorgen sich bei Smart-Metern um die Sicherheit – über die Hälfte befürchtet Hackerangriffe, knapp ein Drittel sieht Datenschutz-Probleme. Wie lässt sich der Missbrauch der digitalen Infrastruktur verhindern?
Bezogen auf Daten- und Verbraucherschutz gilt das Gleiche, wie bei allen anderen Bereichen, in denen persönliche Daten genutzt werden (Internet, Mobilfunk, Online-Dienste, Soziale Netzwerke etc.). Auch Smart Metering führt zu einem erhöhten Datenverkehr. Zur Thematik Datenschutz gilt auch hier, dass der Verbraucher ein Stückweit selbst dazu beitragen muss, indem er festlegt, welche zusätzlichen Daten als die erforderlichen oder verpflichtenden erhoben werden dürfen. Denn Smart-Meter-Daten sind immer auch personenbezogene Daten. Damit gilt hier das Gleiche, wie bei anderen personenbezogenen Daten auch: man sollte sich intensiver damit auseinanderzusetzen, welche Daten zwingend erhoben werden müssen und für die Nutzung erforderlich sind und welche der Anbieter ggf. weiter sammelt, sofern diesem nicht aktiv widersprochen wird. Sofern sich hieraus ein neuer gesetzlicher Regelungsbedarf ergibt, bspw. bezogen auf Art und Umfang der Datenerhebung, Datenverarbeitung und Datennutzung (Kontrolle, wer diese wofür nutzen darf), wäre es sinnvoll, hier auch aktiv Verbraucher mit einzubeziehen.