MEINUNGSBAROMETER.INFO

DIGITALISIERUNG

DAS FACHDEBATTENPORTAL

Für Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Medien & Gesellschaft


schliessen

Bitte hier einloggen:

Login

Passwort vergessen?
 
23.10.2018
Kopieren und anderweitige Vervielfältigungen sind nicht erlaubt.

DER GLÄSERENE SPIELER

Wie Analyse-Tools den Fußball verändern - und warum man es nicht übertreiben sollte

Torsten Frings, Fußball-Trainer und Ex-Nationalspieler

Torsten Frings, Fußball-Trainer und Ex-Nationalspieler [Quelle: VEXATEC]


Bestimmtes Datenmaterial kann "auch Einfluss auf die Handlung eines Trainers nehmen", sagt Torsten Frings. Der 79-fache Fußball-Nationalspieler, der zuletzt Trainer bei Darmstadt 98 war, schränkt aber ein: "Nicht alles was gemessen werden kann, macht auch Sinn oder wird benötigt."


Die Trainer dürfen bei der Fußball-WM in Russland mit ihren Analysten auf der Tribüne kommunizieren – wie verändert es das Fußball-Spiel, wenn Spieler-Daten simultan für taktische Entscheidungen oder für Ein- und Auswechslungen genutzt werden können?
Zu allererst kommt es erst einmal darauf an, um welche Daten es sich handelt. Nicht alles was gemessen werden kann, macht auch Sinn oder wird benötigt. Wenn mich jedoch bestimmtes Datenmaterial die innere Verfassung des Spielers besser beurteilen lässt, kann es auch Einfluss auf die Handlung eines Trainers nehmen. Ich habe bspw. noch zu Darmstädter Zeiten den Prototypen des ersten Agility-Shirts weltweit getestet. Dieses VEXATEC-System kann einem so genaue Einblicke in den Körper des Spielers geben, die man von außen nicht sehen kann. Da dies alles in „real-time“ und bei höchster Präzision geschieht, könnte der Trainer dann auch direkt reagieren. Es gab Tests im Motorsport, bei dem es in einer bestimmten Kurve im einen Zeitverlust von 1-2 Zehntel gab. Erst durch die Daten dieses Shirts sah man anhand der veränderten Messergebnisse von Herzdaten, was los war. Der Fahrer war in dieser speziellen Kurve unsicher, hatte es aber nicht zugegeben. Auch wenn bspw. der Trainer eines Radsportteams bei einem Rennen erkennen kann, ob ein Fahrer demnächst einen Hungerast bekommt oder ein anderer mehr Reserven hat, würde er entsprechend taktische Maßnahmen vornehmen. Bestimmte Daten könnten also auch im Fußball gewissen Einfluss auf Taktik oder Wechselverhalten nehmen. Nur bin ich der Überzeugung, man sollte das nicht übertreiben. 

Wie verändert sich die Rolle des Coaches in der zunehmend Daten-gestützten Arbeit im Training und während des Spiels? Muss ggf. die Trainerausbildung angepasst werden?
Beim Training spielt es meiner Meinung nach eine größere Rolle. Der Spieler wird ja quasi „gläsern“. Es gibt keine Ausreden oder Verstecken mehr. Wertvolle Erkenntnisse erhält man ja nicht nur auf dem Trainingsplatz, sondern auch davor und danach. Das Schlafverhalten ist zum Beispiel wichtig und hier wird auch vermehrt darauf geachtet. Für das Training bietet es den Vorteil, die Belastungen individuell anzupassen. Läuft eine Gruppe ein einheitliches Tempo, bedeutet dies immer, dass ein Teil überbelastet, ein Teil unterbelastet und ein Teil korrekt belastet ist. Das kann man anpassen. Und natürlich sollte man dies auch in der Ausbildung anpassen – allein schon deshalb, damit für den kein Schaden bei falscher Anwendung passiert. Leider haben viele System die derzeit im Einsatz sind aber noch Schwachstellen. Die Entwicklung ist aber schnell – von daher war ich auch vom Vexatec-Shirt so beeindruckt, da es dem Normalstandard so weit voraus ist und zeigt, was demnächst möglich ist. 

Sind in Zeiten von allumfassenden Daten-Tracking auch andere Spieler-Typen gefragt?
Wenn ich den Fußball vom Datentracking bestimmen lasse, dann ja. Aber wer will das? Die Datenerfassung soll die Ist-Situation des Spielers aufzeichnen und Potentiale für eine entsprechende Trainingsoptimierung liefern. Wenn ich aber Spieler und Spiel nur noch nach Daten und Algorithmen spielen lasse, dann kann der Fußball auch seinen Reiz verlieren. Zumindest verliert er seine Überraschungsmomente. Also: die Daten sollen ergänzen, aber nicht abhängig machen!  

Bei der WM in Russland kommt auch der – in der Bundesliga umstrittene - Video-Assistent zum Einsatz. Wie bewerten Sie das?
Da gibt es ja wirklich viele Meinungen derzeit. Und jeder hatte sich die Einführung in der Bundesliga sicherlich auch anders vorgestellt. Ich denke, grundsätzlich ist der Videobeweis nicht schlecht – doch wie er derzeit Anwendung findet, passt das überhaupt noch nicht. Da muss noch kräftig daran gearbeitet werden. Für die WM in Russland habe ich so meine Bedenken. Wenn es selbst in einem Land mit einer so guten Schiedsrichterausbildung wie Deutschland nicht richtig funktioniert, wird es für die Schiedsrichter anderer Länder noch schwieriger. Ich weiß nicht, wie gut die spezifische Vorbereitung für die WM-Schiedsrichter ist, um sich daran zu gewöhnen. Ich hoffe nicht, dass das Finale erst eine Viertelstunde nach Spielschluß entschieden wird – einen Elfmeter in der Halbzeit (wie bei Mainz gegen Freiburg) konnte sich bis vor ein paar Wochen ja auch noch niemand vorstellen …