Die Automobilhersteller haben angekündigt, künftig mehr auf die Kernkompetenzen Digitalisierung und Elektromobilität zu setzen: Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die neue Kaufprämie der Bundesregierung für E-Autos?
Das ist ein wichtiger und guter Schritt, um den Markt zu entwickeln. Die Beispiele Niederlande und besonders Norwegen zeigen, dass man damit durchaus den Markt anschieben kann. Wichtiger allerdings sind ein entsprechendes Produktangebot, das die Kunden auch begeistert, sowie eine Lade-Infrastruktur. Ohne diese wird auch eine Kaufprämie weitgehend verpuffen.
Wird jetzt wirklich das vollvernetzte, selbstfahrende Elektroauto Realität?
Ja, es wird Realität. Vollautonomes Fahren wird sich noch ein paar Jahre brauchen, um in der Masse Realität zu werden. Aber es wird kommen, und bis dahin wird das teilautonome Fahren immer elaborierter werden, so dass wir sozusagen in das vollautonome Fahren „reingleiten“ werden.
Welche neuen digitalen Geschäftsmodelle erkennt der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) für die Autohersteller, die im Bereich der digitalen Wertschöpfung tätig sind?
Der große Strukturwandel besteht darin, dass sich ein Produktmarkt („Kauf eines Pkw“) in einen Servicemarkt wandelt, in dem Mobilitätsdienstleistungen angeboten und nachgefragt werden. Diese werden auch verkehrsmittelübergreifend sein. Und hier gilt dieselbe Plattformlogik, wie wir sie aus den B2C-Märkten kennen. Darüber hinaus werden im Automobil der Zukunft – wenn das teil- oder vollautonome Fahren in der Masse angekommen sein wird – die gesamte Palette der digitalen Services Einzug halten. Aus Sicht der Internetkonzerne ist das Automobil dann ein weiterer Screen. Für Online-Händler hingegen wird es ein weiterer Kontaktpunkt sein, von dem aus Einkäufe getätigt werden können. Und für die Telekommunikationsanbieter ist das Automobil schlichtweg ein Platz für eine weitere SIM-Karte. In der Folge wird das Auto genau wie unser Wohnzimmer oder unser Büro in die gesamte Palette der digitalen Service integriert bzw. wird ein Träger dessen.
Der BVDW hat es sich zur Aufgabe gemacht, Effizienz und Nutzen digitaler Angebote für den Einsatz in der Gesamtwirtschaft zu fördern. Welche Kernkompetenzen wollen Sie einbringen und wie lässt sich der Digitalisierungsprozess innerhalb der Automobilbranche weiter beflügeln?
Der BVDW repräsentiert die Gesamtheit der Kompetenzen der digitalen Wirtschaft, d.h. wir denken und arbeiten schon immer in den Dimensionen Plattform, Netzwerk und Service, die entscheidend für digitale Angebote sind. Diese Kompetenzen bieten wir eben auch der Automobilindustrie an und helfen ihr dabei, sich in diesem Sinne digital neu zu erfinden. Und da sind wir natürlich der guten Hoffnung, Teil einer Beschleunigung für die Automobilindustrie zu sein.
Mit Blick in die Zukunft: Wie sollte in 10 Jahren in einer dann volldigitalisierten Gesellschaft die individuelle und urbane Mobilität organisiert sein?
Als Kunde gehe ich auf eine Mobilitätsplattform, auf der ich eine Reise von A nach B buche und ich bekomme immer das jeweils beste oder gewünschte Verkehrsmittel für jede Teilstrecke. Und alle Verkehrsmittel sind untereinander umfassend vernetzt, so dass ich erstens kaum in einen Stau komme und zweitens unterwegs alle digitalen Services meiner Wahl in Anspruch nehmen kann. Die Konsequenz dessen sieht man dann auch in weniger Staus und frei gewordenen Flächen in den Innenstädten. Aus der Digitalisierung folgt an vielen Stellen auch ökologischer Fortschritt.



