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22.01.2020
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AUGMENTED UND VIRTUAL REALITY SIND DAS BRENNSTOFFZELLENAUTO DER DIGITALEN TECH-SZENE

Welche Technologien jetzt wichtig werden

Sivert von Saldern - Foresight Manager bei Z_punkt The Foresight Company, Köln

Sivert von Saldern - Foresight Manager bei Z_punkt The Foresight Company, Köln [Quelle: Z_punkt]


5G, KI, Blockchain, Grüne IT - Z_punkt-Foresight Manager Sivert von Saldern sieht bei wichtigen Technologien einiges auf uns zukommen im Jahr 2020. AR und VR werden dagegen in Nischenmärkten "weiter an Fahrt aufnehmen, der Massenmarkt muss allerdings noch ein weiteres Jahr warten – wie jedes Jahr."


Blockchain ist ein Dauerbrenner bei den digitalen Trends, zuletzt stand die EU allerdings Währungen wie Facebooks Libra skeptisch gegenüber. Ein Problem für die Technologie – oder für Europa?
Problematisch ist das weder für die Technologie noch für Europa. Einer globalen Digitalwährung, die von einem der großen Tech-Player ins Leben gerufen wird und welche das Potenzial hat, diesem auf lange Sicht auch Einfluss auf die globalen Finanzmärkte und die internationale Geldpolitik zu verleihen, kann man durchaus mit Vorbehalten begegnen. Diese sollte immer im Verantwortungsbereich souveräner Staaten liegen. Zudem ist eines der Hauptmerkmale von Blockchains, die Dezentralität, bei Libra gar nicht gegeben. Daher kann man auch nicht von einer Blockchain i.e.S sprechen. Nichtsdestotrotz muss Europa natürlich schauen, wie es die Potenziale von Blockchain-Technologien künftig nutzen kann. Denkbar ist etwa eine eigene Digitalwährung, ein E-Euro, der den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr effizienter gestaltet. Das viel größere Potenzial von Blockchain-Technologien liegt aber ohnehin in Business- und Industrie-Anwendungen. Über sie können z.B. Wertschöpfungsketten grenzüberschreitend integriert und effektive Produkt-Service-Systeme über Smart Contracts etabliert werden, ob auf B2B- oder B2C-Seite. Hier muss Europa aktiver werden, um nicht international den Anschluss zu verlieren.    
   
Ebenfalls jedes Jahr in den Hypelisten: Augmented/Virtual Reality. Kommt 2020 der Durchbruch im Massenmarkt?
Augmented und Virtual Reality sind das Brennstoffzellenauto der digitalen Tech-Szene – jedes Jahr aufs Neue wird der große Durchbruch verkündet. Was aber nicht heißt, dass VR und AR nicht heute schon genutzt werden, etwa in Design und Architektur, in der industriellen Produktion oder vereinzelt auch im Gaming-Bereich. Rückblickend auf das Jahr 2019 haben sich durchaus interessante Entwicklungen gezeigt. Eine dieser Entwicklungen ist „Wireless VR“. Headsets also, die all die benötigte Hard- und Software integrieren und funktionieren, ohne mit einem Computer verbunden zu sein. Das reicht aber bei weitem nicht aus, um nun von Massenmarkttauglichkeit zu sprechen. Gerade die Bildauflösung von VR-Headsets ist immer noch zu gering. Auch mit Blick auf multi-haptisches Feedback oder auch Motion- und Eye-Tracking muss noch einiges passieren. Von wirklich immersiven VR-Erlebnissen ist man noch weit entfernt. Zudem bekommen bis zu 40% der NutzerInnen noch immer Schwindelanfälle, wenn sie ein VR-Headset nutzen. Selbst wenn hier 2020 hardwareseitig Fortschritte erzielt werden, bleibt abzuwarten, inwiefern auch die Content-Seite nachzieht und überzeugende Applikationen auf den Markt wirft, die eine Vielzahl von NutzerInnen im Massenmarkt anspricht. Das gilt übrigens auch für die Augmented Reality. In Nischenmärkten werden die Technologien weiter an Fahrt aufnehmen, der Massenmarkt muss allerdings noch ein weiteres Jahr warten – wie jedes Jahr.

KI-Anwendungen sind schon in den letzten Jahren immer gebräuchlicher geworden, nun erwarten Experten verschärfte Debatten über die Sicherheit bei KI. Was müsste aus Ihrer Sicht in dieser Frage geschehen?
Die Debatte läuft vollkommen zurecht – KI ist ein zweischneidiges Schwert. In vielen Bereichen trägt sie ohne Frage zu einer höheren Sicherheit von Anwendungen bei. Oft sind es aber gerade die KI-Anwendungen selbst, von denen ein hohes Sicherheitsrisiko ausgeht. Brisant ist insbesondere das Risiko rund um den Dateninput und die Trainingsmodelle für Deep-Learning-Algorithmen. Deren Performance steht und fällt mit den eingegebenen Daten. Werden diese manipuliert, oder auch die Modelle selbst, kann es zu (bewusst herbeigeführten) Fehlentscheidungen der Algorithmen kommen. Verheerende Konsequenzen können so entstehen, etwa beim autonomen Fahren oder bei OPs, die durch Roboter durchgeführt werden – von autonomen Waffensystemen mal ganz zu schweigen. Das Problem hierbei ist, dass die betroffenen Daten und Modelle oft intransparent sind und ihre Funktionsweise so komplex ist, dass den ProgrammierInnen oftmals gar nicht klar ist, an welcher Stelle ein Sicherheitsmechanismus implementiert werden muss. Die Transparenz und Erklärbarkeit von Daten und KI-Modellen sollte daher ganz oben auf der Liste der relevanten Sicherheitsthemen stehen.

Welche digitalen Trends sind daneben für Sie die wichtigsten im Jahr 2020?
An erster Stelle ist die neue Generation des Mobilfunks, 5G, zu nennen. Dieser ist eine wichtige Voraussetzung für Smart Citys, telemedizinische Anwendungen oder auch das vernetzte Fahren. Ab 2020 soll der neue Standard – den Netzbetreibern folgend – in Deutschland für immer mehr Menschen und Unternehmen zur Verfügung stehen. Was tatsächlich und in welchem Umfang umgesetzt wird, lässt sich momentan nicht sagen. Eine wesentliche Rolle bei dieser Unsicherheit spielt die mangelnde politische Klarheit darüber, welche Ausrüster mit ins Boot geholt werden. Zudem gewinnt das Thema „Grüne IT“ an Auftrieb. Vor dem Hintergrund des anthropogenen Klimawandels und absehbaren regulatorischen Verschärfungen, man schaue nur auf den Green Deal der EU, wird es interessant zu sehen, wie der teils exorbitante Stromverbrauch von KI- oder auch Blockchain-Anwendungen angegangen wird. Dass das Training eines einzelnen KI-Modells mehr Energie verschlingt als fünf Autos über ihre gesamte Lebensdauer hinweg, ist in der heutigen Zeit einfach nicht mehr hinnehmbar. Hier sind Innovationen gefragt.