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14.11.2019
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WIR REDEN VOM AUDIO-ZEITALTER

Wo die gesprochene Sprache (bald) dominiert - und wo mancher es übertreibt

Tristan Horx - Trendforscher, Zukunftsinstitut GmbH

Tristan Horx - Trendforscher, Zukunftsinstitut GmbH [Quelle: Studio Kamenar]


Der Siegeszug von Audio ist nach Einschätzung von Trendforscher Tristan Horx "auch vom Bedürfnis nach Entschleunigung getragen." Zudem habe eine Stimme immer etwas Persönliches, sehr Menschliches. Dennoch gibt es etwa bei Sprachassistenten auch Entwicklungen, die zu viel des Guten sind.


Smart Phone/ Smart Speaker/ Smart Home - immer mehr digitale Devices setzten auf Sprachsteuerung für Suchanfragen und Alltags-Lösungen. Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich daraus?
Zunächst sind da die technischen Herausforderungen. Noch funktioniert die Sprachsteuerung nicht perfekt, was natürlich daran liegt, dass Sprache etwas unglaublich Komplexes ist. Aber die Systeme werden immer vernetzter und lernen immer mehr.

Die andere Frage kennen wir aus unserer Forschung im Smart-Home- und Smart-Living-Bereich – da bräuchte es die Sprachsteuerung manchmal gar nicht. Es gab von brand eins einmal eine wunderbare Headline: "Alexa, sag’ bitte meinem Kühlschrank, dass er meinem Fernseher sagen soll, dass er dem Rasenmäher sagen soll, dass er meine Smart Watch fragen soll, wie viel Uhr es ist." Manchmal werden dem Endnutzer Lösungen gebaut für Probleme, die er gar nicht hat. Wir nennen das Löseritis oder Solutionismus. Viele Unternehmen wären gut beraten, über den Sinn der Sprachsteuerung in der jeweiligen Situation nachzudenken. Beim Navigationssystem fürs Auto ist die Sprachsteuerung unschlagbar, bei der Kühlschrankbedienung habe ich da meine Zweifel.

Der Digitalisierungsbericht Audio der Medienanstalten spricht von einer visuellen Reizüberflutung, die den Siegeszug von Audio unterstützt. Wie bewerten Sie das?
Wir haben im Zukunftsreport 2019 darüber geschrieben und das ist schon sehr lang mein Thema, weil ich auch den Podcast unseres Unternehmens mache - wir reden vom Audio-Zeitalter. Das hat viele Facetten, im Medienbereich zum Beispiel das Comeback des Radios. Das ist einerseits ein sehr klassisches Audiomedium, andererseits behauptet es sich in einer unglaublichen Vielfalt der Auswahl. Das Radio wird in dieser Masse zum auditiven Anker - ich vertraue dem Radio die Auswahl und Aufbereitung der richtigen Inhalte an.

Der Siegeszug von Audio ist aber auch vom Bedürfnis nach Entschleunigung getragen. Da spielt die allgegenwärtige Reizüberflutung sicher eine Rolle. Es ist wohl kein Zufall, dass der erfolgreichste Podcast in den USA nach wie vor der von Joe Rogan ist. Teilweise redet Rogan dreieinhalb Stunden mit Gästen wie Elon Musk und zu Beginn kommt oft kaum eine Kommunikation in Gang. Das ist wahnsinnig authentisch. Denn auch nicht gut miteinander zu kommunizieren gehört zur menschlichen Kommunikation. Und oft entstehen gute Gespräche nach einer Phase der Reibung.

Im Übrigen: Schauen Sie sich den politischen Diskurs heutzutage an, mit seinen kritischen Seiten wie etwa Hass-Postings. Das ist mit der Stimme sehr schwierig, denn eine Stimme hat immer etwas Persönliches, sehr Menschliches.

Selbst Kurznachrichten werden immer öfter als Sprachnachricht verschickt. Wie wirkt sich der Audio-Vormarsch aus Ihrer Sicht auf die Schriftkultur aus?
Ich komme aus der Kulturanthropologie und viele der Narrative, die Menschen sich erzählen, wurde sehr lange nur auditiv weitergegeben. Das gilt für alle Kulturen und ist insofern ein Normalzustand.

Natürlich sind Kurznachrichten etwas für die schnelle Kommunikation in unserer beschleunigten Welt. Da lassen sich Sprachnachrichten eben noch zusätzlich absetzen, neben den Sachen die man sowieso erledigen muss.

Prinzipiell gibt es aber keinen Grund für Pessimismus. Auch Lesen ist etwas für Entschleuniger. Und wir wissen aus der Forschung, dass Menschen, die gern Audio-Medien nutzen, auch viel lesen. Die Medien werden oft nach den Lebensumständen genutzt. Für mich ist gerade Hoch-Reise-Saison und ich bin  fünf bis sechs Tage in der Woche unterwegs. Trotzdem bin ich wahrscheinlich besser informiert als sonst, weil ich die Informationen auditiv konsumieren kann.

Inwieweit kann man aus Ihrer Sicht insgesamt davon sprechen, dass Audio zum neuen Leitmedium wird?
Den Begriff Leitmedium finde ich schwierig. Der Audiokonsum beansprucht weniger Sinne als der visueller Medien und lässt sich einfacher nebenbei erledigen. Einerseits. Was ich andererseits sehe, ist der Gegentrend zur immer kürzeren Aufmerksamkeitsspanne. Insofern waren Audio und langsamerer Medienkonsum insgesamt zu früh totgesagt. Audio wird künftig ein sehr starkes Element innerhalb unseres Medienregenbogens sein.