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16.12.2017
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KINO GEGEN DIE DIGITALE VEREINSAMUNG

Was auf der großen Leinwand funktioniert - und warum

Dr. Thomas Negele, Vorstandsvorsitzender HDF Kino

Dr. Thomas Negele, Vorstandsvorsitzender HDF Kino [Quelle: HDF Kino]


"Menschen genießen am Kino das Erlebnis, miteinander Stimmungen, Meinungen und Gefühle zu teilen und zu erleben", weiß Dr. Thomas Negele, Vorstandsvorsitzender des HDF Kino (Hauptverband Deutscher Filmtheater). Für die große Leinwand spricht aber noch mehr.


Jüngst das deutsche TV-Duell zur Wahl auf der Leinwand, große Konzert- und Opern-Highlights weltweit gleichzeitig live– welche Formate eignen sich abgesehen vom klassischen Kinofilm für die große Leinwand?
Kino ist ein kollektives Erlebnis. Das ist der entscheidende Unterschied zu anderen Formaten, in denen audiovisuelle Inhalte präsentiert und erlebt werden. Menschen genießen am Kino das Erlebnis, miteinander Stimmungen, Meinungen und Gefühle zu teilen und zu erleben. Das Kino setzt damit einen heilsamen Gegenimpuls zur digitalen Vereinsamung, die zu beobachten ist, wo Einzelpersonen sich mehr einem Gerät in ihrer Hand zuwenden als anderen Menschen, Inhalte zwar untereinander austauschen aber wenig gelebte, gegenwärtige Gemeinschaft erfahren. Dementsprechend ist alles an Bewegtbild-Inhalten, das Aufführungs- und Inszenierungs-Charakter hat, und daher mit größerem Vergnügen in einer Gruppe von Menschen erlebt wird, potenziell für das Kino geeignet. Dazu gehören neben Filmen, Live-Übertragungen von Konzert-, Opern- und Theateraufführungen künftig auch solche von Sport- und Gamingwettkämpfen und sogar die Austragung interaktiver Gaming-Events im Kinosaal. Über die Zusammenschaltung verschiedener Zuschauergruppen in Kinosälen rund um den Globus lässt sich damit selbst international das Kino zur Arena machen. Der Zuschauer wird damit zum Teilnehmer, der Kinobetreiber zunehmend zum Intendanten, und das Kino zum multifunktionalen Erlebnisort für Menschen in Gemeinschaft.
 
Im TV und im Netz boomen Serien – wie kann das Kino an diesem Hype teilhaben?
Anders als das singuläre Erlebnis eines Kinofilms, Konzerts oder einer anderen Aufführung auf der großen Leinwand bieten Serien den Betrachter Wiedererkennungswert und in gewisser Weise Geborgenheit im Bekannten. Dem Kino bieten sich durchaus Möglichkeiten, diese Elemente aufzunehmen. So lassen sich etwa ganze Staffeln im Kino mit gleich gesinnten zusammen verfolgen, vergleichbar der früher sehr beliebten“ langen Filmnächte“. Solche Ansätze bestehen, sind aber in der Umsetzung derzeit noch in den Anfängen.

Große Streaminganbieter setzen auf Erstveröffentlichung, auch von großen Filmen. Wie sehr bedroht das die Kinos, in denen ja große Filme traditionell zuerst zu sehen sind?
Das Kino ist und bleibt der Motor für die Bekanntheit von Filmen und damit für die Vermarktungsmöglichkeiten der Filmschaffenden. Mit anderen Worten: ohne die Veredelung des Films durch die Kinoauswertung lässt sich eine wirtschaftlich Produktion hochwertiger Filme nach wie vor nicht nachhaltig realisieren. Wir dürfen uns durch den derzeitigen, unbestreitbaren Hype der Nutzung von Screening-Angeboten gerade der jungen Generation zwischen 14 und 29 nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass die dadurch erzielten Erträge auch für die Verleiher wirtschaftlich bislang keine Alternative zur Kino-Auswertung bieten. Ohne tragbare Finanzierungsmodelle aber wird es in Zukunft keine qualitativ hochwertigen Filmproduktionen geben können.
 
Viele Kinos haben ihre Programme erweitert und flexibilisiert -– wie viel Platz ist im Programm neben den Hollywood-Blockbustern?
Die Gestaltung des individuellen Kino-Programms ist die hohe Kunst des Kino-Betreibers. Neben gutem Service und gute Kunden-Kommunikation ist die Gestaltung des Programms der entscheidende Erfolgsfaktor für jedes einzelne Kino. Hierfür gibt es demzufolge kein Patentrezept. Wer durch kluges Marketing seine Kunden und deren Wünsche und filmische Vorlieben erkennt und sein Programm darauf abstellt, wird (auch in Zukunft) als Kinobetreiber erfolgreich sein. Das kann, je nach Zusammensetzung und Geschmack des jeweiligen eigenen Publikums, durchaus bedeuten, weniger Hollywood-Blockbuster und mehr andere Kino-Inhalte einzusetzen.