MEINUNGSBAROMETER.INFO

DIGITALISIERUNG

DAS FACHDEBATTENPORTAL

Für Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Medien & Gesellschaft


schliessen

Bitte hier einloggen:

Login

Passwort vergessen?
 
23.09.2019
Kopieren und anderweitige Vervielfältigungen sind nicht erlaubt.

KAFKAESKE ZUSTÄNDE BEI YOUTUBE

Wie FairTube den Internet-Riesen zum Verhandeln bringen will

 Jörg Sprave - Youtuber (The Slingshot Channel) und Gründer der Youtubers Union

Jörg Sprave - Youtuber (The Slingshot Channel) und Gründer der Youtubers Union [Quelle: privat]


Die Arbeit von Youtubern muss "in Zukunft von erheblich mehr Transparenz und Fairness gekennzeichnet sein und es muss ein respektvoller Umgangston gepflegt werden", fordert Jörg Sprave. Der Youtuber (The Slingshot Channel) ist Begründer der Youtubers Union, die sich maßgeblich an der Kampagne FairTube für Fairness und Transparenz für YouTube-Creator beteiligt.


Die Initiative Fairtube fordert der eine neuen Umgang von Youtube mit den Kreativen. Ganz oben steht die Forderung nach mehr Transparenz bei Sanktionierungen und bei den Empfehlungslisten. Was läuft da aus Ihrer Sicht falsch?
YouTube hat ein umfangreiches Regelwerk bezüglich der Einstufung eines jeden Videos erstellt. Ob ein Video nun gelöscht werden muss oder ob es keine Werbung tragen darf, ob ein Video in eine "kontroverse" Schublade gepackt wird und auf diese Weise von den Anzeigenkunden "abgewählt" werden kann, ob ein Video als ungeeignet für die "Trending"- und "Empfohlen"-Leisten markiert wird - sowohl die Regeln als auch die Prozeduren und sogar die Kategorisierung selbst ist für den YouTuber nicht sichtbar. Oft sind es noch nicht einmal menschliche Zensoren, die entscheiden - YouTube verwendet dafür Software (so genannte "Künstliche Intelligenzen").

Für YouTube ist das bequem. Es besteht kein Rechtfertigungsdruck und man kann völlig willkürlich entscheiden. Wenn man die Regeln veröffentlichen würde, dann könnten sich die Betroffenen ja darauf berufen und bei Fehlentscheidungen einen Einspruch einlegen. Das will YouTube vermeiden, weil dies zu einem Machtverlust, hohen Kosten und möglicherweise auch zu gerichtlichen Auseinandersetzungen führen würde. Zudem fürchtet man sich davor, dass eine Offenlegung das Finden von Schlupflöchern erleichtern würde. Das ist zwar grundsätzlich richtig - aber man darf dabei nicht vergessen, dass diese Praktiken einen erheblichen (negativen) Einfluss auf die Creators ausüben. Unter Umständen kann ein YouTuber jäh sein gesamtes Einkommen verlieren, weil er angeblich gegen Regeln verstoßen hat, die er nicht einmal kennt. Das sind kafkaeske Zustände.

Die Initiative fordert bei Konflikten eine unabhängige Schlichtungsstelle. Wer könnte Ihrer Meinung nach in eine solchen sitzen?
Das ist eine Frage, die sicher besser von den Kollegen bei der IG Metall beantwortet werden kann. Dort hat man bereits Erfahrung mit solchen Institutionen, bereits 9 Plattformen haben den "Code of Conduct" unterzeichnet und sich so den Urteilen der Ombudsstellen unterworfen. Meines Wissens nach sind es oft hauptberufliche oder pensionierte Richter, die solche Schlichtungsstellen leiten. Es ist aber ganz sicher so, dass man hier noch viel Arbeit in die Konzeption einer solchen Stelle für die YouTuber investieren muss. Wir bleiben jedoch bei unserer Forderung - es kann nicht sein, dass bei einer "Partnerschaft" immer nur die eine Seite alle Entscheidungen trifft, wenn es eine Meinungsverschiedenheit gibt.

Google Deutschland ist als hiesige Youtube-Mutter auf ein Ultimatum der Initiative eingegangen und hat zum Gespräch eingeladen. Was erwarten Sie von dem Gespräch?
Man möchte mit uns über die "Zukunft der Arbeit" diskutieren, will aber angeblich nicht über unsere Forderungen reden. Das hört sich erst einmal ablehnend an, ist aber in diesem Stadium der Verhandlungen normal. Zu Beginn jeder Tarifrunde sagt die Arbeitgeberseite zunächst, dass man keinen Spielraum für irgendwelche Zugeständnisse sieht. Am Ende wird aber immer ein Kompromiss gefunden.

Mit "Zukunft der Arbeit" meint Google sicher nicht die Zukunft der Arbeit eines Landwirts oder eines Fabrikarbeiters. Gemeint ist natürlich die Arbeit der YouTube-Creators. Diese muss aus unserer Sicht in Zukunft von erheblich mehr Transparenz und Fairness gekennzeichnet sein und es muss ein respektvoller Umgangston gepflegt werden. Unsere Forderungen sind so gestaltet, dass diese Ziele erreicht werden können. Natürlich werden wir also über unsere Forderungen reden. Die Frage ist, ob überhaupt über etwas anderes als das geredet werden wird.

Wir erwarten handfeste Zugeständnisse von Google/YouTube. Nur dann können wir auf die angekündigten Maßnahmen, vor allem die juristischen Schritte, dauerhaft verzichten. Unserer Meinung nach bricht YouTube deutsches und europäisches Recht. Das nehmen wir nicht hin. Entweder man arbeitet mit uns zusammen und beseitigt die illegalen Praktiken oder man muss sich einem teuren und potentiell verheerenden Rechtsstreit stellen. Google hat das erkannt, nur deshalb ist man unserer Forderung, Verhandlungen aufzunehmen, innerhalb der von uns gesetzten Frist nachgekommen.
 
Der Konflikt zeigt, dass Youtube für viele Kreative als Plattform alternativlos ist. Inwieweit sehen Sie dadurch Regulierungsbedarf?
Soweit ich weiß, darf ein Monopolist seine Marktmacht nicht missbrauchen, so sieht das Kartellrecht es vor. Ich kann mir durchaus vorstellen dass Gerichte hier einen Missbrauch erkennen könnten. In den USA gibt es bereits entsprechende Untersuchungen und sogar einschlägige Klagen. Wir verfolgen das sehr genau und werden das Argument sicher auch in den Verhandlungen ins Feld führen.

Wir beobachten generell, dass Google und auch andere Internetgiganten von der EU zunehmend kritisch gesehen werden. Es hat dieses Jahr bereits Milliardenstrafen für Google gegeben, und viele der neuen Gesetze bzw. Richtlinien zielen auf eine stärkere Regulierung dieser Quasi-Monopolisten hin. Es ist ganz klar: Die EU wird nicht hinnehmen, dass US-amerikanische Internetriesen EU-Bürger ausbeuten und dafür nicht einmal Steuern abführen. Wir rechnen mit einer weiteren Regulierung, auch und insbesondere im Arbeitsrecht. Google wäre gut beraten, mit uns an den "heißen Eisen" zu arbeiten - ansonsten könnten sie schon bald gesetzlich zu einer anderen Handlungsweise gezwungen werden.