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Interview07.11.2023

Die größten Herausforderungen für die Apotheken

Und was der Branche helfen würde

Andreas May - Bundesvorstand, ADEXA - Die Apothekengewerkschaft Quelle: ADEXA/Angela Pfeiffer Andreas May Bundesvorstand ADEXA - Die Apothekengewerkschaft
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Dipl.- Journ. Thomas Barthel
Founder & Herausgeber
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Andreas May - Bundesvorstand, ADEXA - Die Apothekengewerkschaft berichtet von einem "immer stärker spürbaren Apothekensterben". Deswegen hat er klare Erwartungen an die Politik.





Lieferengpässe bei Medikamenten, Kaufzurückhaltung bei Patienten - wo sehen Sie die zentralen Herausforderungen für Apotheken derzeit?
Für die Apothekenteams – und auch für die Patienten – sind die Lieferengpässe mit Sicherheit das weitaus größere Problem. Für die Apothekenangestellten bedeutet es einen großen Mehraufwand: in den Beratungsgesprächen mit frustrierten oder gar verängstigten Kunden, in den Absprachen zwischen den Kolleginnen in der Warenwirtschaft und dem pharmazeutischen Personal im Handverkauf, in der Rücksprache mit den Arztpraxen und in der Kommunikation mit dem Großhandel und den Herstellern.

Zumindest in der Vorweihnachtszeit dürfte die Kaufzurückhaltung nicht das entscheidende Problem sein: Es ist Erkältungszeit, jeder ist krank oder gestresst … Präparate aus der Apotheke zur Selbstmedikation oder auch zur Prävention werden jetzt nachgefragt.

Neben den Lieferengpässen ist aber die unzureichende Honorierung bei den rezeptpflichtigen Arzneimitteln durch die GKV das größte Problem für die Apotheken. In zwanzig Jahren gab es nur eine kleine Erhöhung, aber gerade im Frühjahr 2023 sogar wieder eine Reduzierung. Als Gewerkschaft merken wir, wie negativ sich das auf die Tarifverhandlungen auswirkt. Und bei einem – auch demografisch bedingten – Fachkräftemangel sind unattraktive Arbeitsbedingungen ein gravierendes und verstärkendes Problem.

Nach aktuellen Untersuchungen wollen sich weniger Apotheker mit Einzelapotheken selbstständig machen. Was bedeutet das für die Zukunft?
Die wirtschaftlichen Aussichten sind derart trübe, dass ich junge Apothekerinnen und Apotheker verstehen kann, wenn sie sich nicht auf eine Selbstständigkeit einlassen wollen. Daher ist es auch so schwierig, Nachfolger für bestehende Betriebe zu finden. Wer keine überzeugenden Zahlen aufweist – und das sind viele, gerade auch kleinere Apotheken – und kein ausreichend starkes Team, der hat kaum eine Chance. Das führt zu dem immer stärker spürbaren Apothekensterben; Ende Juni waren wir bei nur noch 17.830 Apotheken. Vor etwa zwanzig Jahre waren es noch rund 21.500 Betriebe.

Noch ist die flächendeckende Arzneimittelversorgung zwar gesichert. Aber das Netz wird in vielen ländlichen Regionen dünner. Wenn kein Arzt mehr im Ort ist, vielleicht auch die Partnerin oder der Partner dort keine Arbeit findet, Mitarbeitende schwer zu finden sind und die Apotheke dann auch noch jede zweite Nacht Notdienst machen muss – wer will als junger Mensch dafür schon hohe Kredite aufnehmen?

Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich aus der digitalen Transformation für die Apotheken?
Apotheken sind schon lange fit, was digitale Anwendungen angeht. Das macht es auch für künftige Nutzungen wie eine Beratung zu Arzneimitteln per Video leichter. Und es kann auch für die Vernetzung mit anderen Gesundheitsberufen hilfreich sein.

Mit dem E-Rezept kommen allerdings nicht nur Erleichterungen, sondern auch Risiken auf die Apotheken zu. Zum Beispiel, dass die freie Apothekenwahl der Patienten eingeschränkt wird, weil hier online bestimmte Wege vorgezeichnet werden.

Die Wettbewerbsbedingungen müssen also kontrolliert werden, damit nicht ausländische Versandapotheken und große Logistikkonzerne das bewährte Apothekensystem zerstören. Denn klar ist: Nacht- und Notdienste, Rezepturen bzw. Alternativvorschläge bei Lieferengpässen und eine patietenorientierte, empathische Beratung machen nur die Apotheken vor Ort.

Welche Rahmenbedingungen sollte die Politik für die Apotheken schaffen?
Die Apotheken – also Inhaber:innen, Beschäftigte und der Nachwuchs in Ausbildung – brauchen eine deutlich höhere und jährlich dynamisch angepasste Honorierung durch die gesetzliche Krankenversicherung. Es wird nicht reichen, nur die Notdienstvergütung zu erhöhen oder noch mehr vergütete pharmazeutische Dienstleistungen (pDL) sowie neue Leistungen in der Vorsorgemedizin anbieten zu können. Das sind sicherlich gute Optionen, die für einige Apotheken hilfreich sein können. Das grundlegende Problem wird damit aber nicht angepackt! Bei der aktuellen Belastung und den dünnen Personaldecken können diese Leistungen nämlich von vielen Apotheken gar nicht bzw. nicht kostendeckend angeboten werden. Es geht also zunächst einmal um die Vergütung bei den Rx-Arzneimitteln. Alles andere ist begrüßenswert, aber erst im zweiten Schritt.

Wichtig ist uns außerdem, dass die Approbationsordnung für Apotheker:innen (AappO) zeitnah novelliert und modernisiert wird. Und dass für die Fachschul-Ausbildung der Pharmazeutischen-technischen Assistent:innen (PTA) endlich bundesweit Schulgeldfreiheit umgesetzt wird – und es künftig auch eine öffentlich finanzierte Ausbildungsvergütung während der zwei Jahre Fachschule gibt.

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