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22.10.2021
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WARUM DATENVERARBEITUNG IN DER PFLEGE INTERNATIONALE NORMEN UND STANDARDS BRAUCHT

Und wie die Implementierung digitaler Tools effizient gestaltet werden kann

Dr. Birgit Habenstein - Geschäftsführerin, Deutsche Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE (DGBMT)

Dr. Birgit Habenstein - Geschäftsführerin, Deutsche Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE (DGBMT) [Quelle: DGBMT/ Uwe Nölke]


"Mit der Digitalisierung des Gesundheitssystems werden große Kosten anfallen, die durch erhebliche Einsparungen ausgeglichen werden", sagt Dr. Birgit Habenstein, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE (DGBMT). Gerade im Pflegebereich erwartet sie große Vorteile durch digitale Anwendungen.


Telemedizinische Angebote und sogenannte digitale Helfer sollen verstärkt in der Pflege eingesetzt werden. Wo liegen die wichtigsten Vorteile digitaler Tools in der Pflege?
Im Vordergrund der vielfältigen Vorteile digitaler Angebote in der Pflege stehen die Unterstützung und Entlastung der Pflegekräfte sowie eine Verbesserung der pflegerischen Versorgung. Ein zentraler Bestandteil der digitalen Pflege ist die am 1. Januar 2021 eingeführte elektronische Patientenakte und die Anbindung an die Telematikinfrastruktur. Diese wird eine erleichterte Kommunikation zwischen Leistungserbringern, beispielsweise durch elektronische Verordnungen häuslicher und außerklinischer Intensivpflege, und mit dem Patienten mittels digitaler Kommunikationswege wie Messengerdiensten ermöglichen.

Wichtig sind auch die zusätzlichen Leistungen, die von digitalen Helfern, wie den Pflege-Anwendungen, DiPAs, geboten und auch erstattbar werden. Clustert man die Vorteile der Anwendungen ist zunächst die verbesserte Patientensicherheit zu nennen, z.B. durch Sturzerkennung und einen automatisierten Notruf durch eine App auf dem Handy, welches der Nutzer beim Verlassen der Wohnung bei sich trägt. Ein weiteres wichtiges Cluster ist die verbesserte Therapie z.B. durch automatische Erinnerung an die Medikamenteneinnahme oder eine Trinkerinnerung. Das dritte Einsatzgebiet ist die Sicherstellung der Transparenz in der Dokumentation und Information. Wenn Pflegedokumentation im weiteren Sinne digitalisiert wird und mit entsprechenden Zugriffsrechten versehen wird, können alle am Pflegeprozess Beteiligten schnell die relevanten Informationen einsehen. Beispielsweise könnte der Arzt die erhobenen Vitaldaten einsehen und gegebenenfalls Therapieanpassungen vernehmen. An vierter Stelle ist die virtuelle Vernetzung der zu Pflegenden zu nennen, um der sozialen Vereinsamung vorzubeugen.


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DIE DOKUMENTATION DIESER FACHDEBATTE

Die Verarbeitung der Gesundheitsdaten soll effizienter und dabei sicher erfolgen. Wie bewerten Sie die geplanten Regeln diesbezüglich?
Die Sicherheit von Gesundheitsdaten verdient unsere besondere Aufmerksamkeit. DiPAs erfassen Daten, die zur Anwendung moderner Technologien der Künstlichen Intelligenz wie Machine Learning für eine nachhaltige Entwicklung in Versorgung und Pflege notwendig sind. Die Weiterentwicklung der Telematikinfrastruktur ist ein wichtiger Schritt, Daten nach dem FAIR-Prinzip, das heißt auffindbare, zugängliche, interoperable und wiederverwendbare Daten der Forschung und Entwicklung zur Verfügung zu stellen.

Die Infrastruktur bietet eine gute, standardisierte und sichere Plattform zum Daten-Austausch. Wichtig ist, dass alle Akteure aus dem Pflegeumfeld Zugriff auf die für sie relevanten Daten bekommen können. Die Datenhoheit gesundheitsbezogener Daten liegt bei dem Patienten. Dies und die begleitenden Gesetze steigern die Akzeptanz der Verwertung der Daten zu Entwicklungszwecken in der Gesellschaft. Im Rahmen des DVPMG wird z.B. ein notwendiges Sicherheitszertifikat für Gesundheitsanwendungen eingeführt, das die Datensicherheit digitaler Anwendungen standardgemäß absichert.

Eine Herausforderung der effizienten Datennutzung liegt in der Interoperabilität der Daten auf verschiedenen Ebenen. Interoperabilität der Technik, der Formate, der Semantik, und der Prozesse spielen eine Rolle. Die Anwendung von Normen, Standards und die Zertifizierung sind hier wichtig. Dabei sollte insbesondere auf internationale Normen und Standards zurückgegriffen werden, um einen deutschen Alleingang zu vermeiden. Zentral in der Telematikinfrastruktur zusammengeführte wiederverwendbare Daten sichern nachhaltig die Datensouveränität im Gesundheitswesen.

Digitale Tools können langfristig Geld sparen, verursachen aber häufig zunächst Kosten für die Implementierung. Wie lassen sich diese finanzieren?
Mit der Digitalisierung des Gesundheitssystems werden große Kosten anfallen, die durch erhebliche Einsparungen ausgeglichen werden. Der Prozess der Implementierung der digitalen Tools sollte so effizient wie möglich gestaltet werden, um der Gesellschaft Mehrkosten zu vermeiden. Ein gut abgestimmtes Vorgehen insbesondere zwischen den betroffenen Ministerien und die enge Einbeziehung der relevanten Verbände und Fachgesellschaften wie der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE (VDE DGBMT) können den Prozess der Umsetzung erheblich vereinfachen. Essenziell hierbei ist die gesamtheitliche Kommunikation und die klare Formulierung von Zielen und Verantwortlichkeiten.

Die digitale Transformation erfordert auch Know-how bei den Beschäftigten. Was muss diesbezüglich in der Aus- und Weiterbildung geschehen?
In der medizinischen und pflegerischen Ausbildung sollten digitale Kompetenzen dynamischer Bestandteil der Standardausbildung werden. Digitale Plattformen zur Aus- und Weiterbildung müssen bereitgestellt werden, die sich den ständig neuen Bedingungen und Angeboten anpassen und auch spezifisch Bereiche der Pflege abbilden, die spezielle digitale Kompetenzen erfordern. Beispielsweise unterstützt die Initiative Nationale Bildungsplattform des BMBF maßgeblich die Implementierung solcher digitalen Lernformate. Die Plattformen werden von unterschiedlichen Akteuren entwickelt und sollten konzertiert auf einer übergeordneten Plattform bewertet und zur Verfügung gestellt werden. Die Aus- und Weiterbildungsplattformen müssten standardisierte Minimalanforderungen an Lehrinhalte, Lehrqualität und Prüfungsverfahren erfüllen.