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19.11.2018
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VERBAND FÜR NEUE REGELN GEGEN INTERNET PIRATERIE

Wo die EU nachjustieren sollte

Jörg Weinrich, Geschäftsführender Vorstand IVD - Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland e.V.

Jörg Weinrich, Geschäftsführender Vorstand IVD - Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland e.V. [Quelle: IVD]


Die dramatische Zahl von 700 Mio € Schaden durch illegales Streaming zeigt für Jörg Weinrich vom IVD - Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland e.V. "nur einen Teil der Katastrophe". Er fordert ein ganzes Bündel von Maßnahmen.


Ein aktuelle Goldmedia-Studie im Auftrag des Verbandes vaunet schätzt den Schaden durch illegales TV-Streaming auf insgesamt 700 Mio €. Wie bewerten Sie diese Zahl?
Diese Zahl – 700 Mio. € Schaden - zeigt nur einen Teil der Katastrophe. Die Studie hat nämlich nicht den ganzen illegalen Medienkonsum untersucht, sondern nur die illegal verbreiteten Streams des linearen Free-TVs und Pay-TVs. Illegale Downloads oder das illegale Streaming auf Abruf sind darin nicht enthalten. Für diesen Bereich weisen Schätzungen aus den Jahren 2013 und 2014 allein im Filmbereich einen Schaden von über annähernd 600 Mio. Euro aus. Dazu kommen noch die Schäden aus den Tauschbörsen.

Grundsätzlich ist es aber methodisch immer schwer, Schäden zu berechnen. So darf man nicht davon ausgehen, dass jeder illegale Konsum auch einen legalen Konsum verhindert. Eine EU-Studie hat für aktuelle Filme festgestellt, dass zehn illegal gesehene Filme dazu führen, dass vier Filme weniger legal konsumiert werden. Zudem gibt nicht jeder gerne und korrekt Auskunft über sein illegales Verhalten. Wie groß die Dunkelziffer dabei sein kann, zeigen zwei Studien aus dem Jahr 2011. Bei einer Befragung gaben 3,7 Mio. Personen zu, illegal Medien bezogen zu haben. Bei Messungen ließ das Klickverhalten darauf schließen, dass 7, 3 Mio. Personen Angebote auf Interseiten mit illegalen Medieninhalten per Download oder Streaming genutzt haben.

Ein Großteil der Befragten empfindet den Zugriff auf illegale Streams als einfach oder sehr einfach. Braucht es stärkere technische Hürden für illegale Inhalte?
Um die illegalen Angebote einzuschränken bedarf es eines ganzen Bündels von Maßnahmen. Dazu gehören auch technische Hürden, also Sperren der illegalen Seiten, wie dies in vielen anderen europäischen Ländern üblich ist. Diese erschweren vielen Bürgern den Zugang zu den illegalen Angeboten. Während in Dänemark oder Portugal Rechteinhaber und Internetzugangsanbieter vereinfachte Verfahren gefunden haben, solche Sperren einzurichten, wehren sich in Deutschland die Provider weiterhin massiv gegen solche Sperren und dies obwohl Sperren vom EUGH erlaubt sind.

Ebenso notwendig ist eine verstärkte strafrechtliche Verfolgung der Anbieter. Dies geht nur mit mehr Polizisten und Staatsanwälten, die sich um diesen Themenkreis kümmern dürfen.

Letztendlich müssen aber auch die Unterstützer der Piraterie stärker in die Verantwortung gezogen werden. Dazu gehören neben den Rechenzentren, auf denen die illegalen Angebote gespeichert sind, auch die Werbewirtschaft und Zahlungsdienstleister, die zur Finanzierung der illegalen Angebote beitragen. Hier bedarf es gesetzlicher Maßnahmen auf EU-Ebene.

Die Haftungsfreistellungen der E-Commerce-Richtlinie haben sich überlebt. Anders als vor 20 Jahren haben Provider heute viele Möglichkeiten gegen illegale Inhalte vorzugehen. Sie bedürfen keiner Haftungsfreistellung mehr.

Illegales Streaming ist für viele Befragte eine besonders bequeme Art des Fernsehens – inwieweit sehen Sie auch die klassischen Anbieter in der Pflicht, ihre Netz-Angebote diesbezüglich zu optimieren?
Illegales Streaming lebt davon, dass es gestohlene Angebote zu einem sehr frühen Zeitpunkt kostenlos oder zu sehr niedrigen Preisen zur Verfügung stellt.

Da für die klassischen Anbieter das Stehlen keine Option ist, müssten sie alle Rechte so frühzeitig erwerben, dass sie ein ähnliches Angebot bieten können. Das kann aber niemand bezahlen.

Im Sport gibt es zudem oft Exklusivverträge, die nur einem Anbieter die legale Möglichkeit der Vermarktung geben. Bei Spielfilmen besteht oft die Notwendigkeit, diese erst einmal hochpreisig im Kino zu vermarkten um die Filme überhaupt finanzieren zu können. Eine direkte Vermarktung im Netz erwirtschaftet bei Weitem nicht die notwendigen Beträge und würde zudem dem Kulturort Kino und somit auch den Innenstädten schaden.

Die Nutzer illegaler Streams sind vor überwiegend jung und männlich – was macht diese Zielgruppe besonders anfällig für solche Angebote?
Diverse Studien zeigen, dass leider nicht nur junge männliche Personen illegale Dienste nutzen. Bei den relativ neuen illegalen TV-Streams ist der Schwerpunkt junge Männer aber völlig nachvollziehbar. Junge Menschen nutzen Internetdienste privat häufiger und die männliche Zielgruppe steht technischen Neuerungen oft aufgeschlossener gegenüber.