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21.11.2018
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UNFALLFORSCHER FÜR FÖRDERTÖPFE FÜR ABBIEGE-ASSISTENTEN

Was Radfahrer im Verkehr schützt

Siegfried Brockmann, Leiter Unfallforschung der Versicherer (UDV) beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV)

Siegfried Brockmann, Leiter Unfallforschung der Versicherer (UDV) beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V. (GDV) [Quelle: UDV]


Selbst wenn die EU ab 2022 verbindlich AbbiegeAssistenten für LKLW einführt, dauert es von jetzt an noch 10 Jahre, "bis alle Lkw mit einem Abbiegeassistenten ausgerüstet sind", schätzt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer. Fahrrad-Fahrern rät er zu vorausschauendem Fahren.


Ab 2022 sollen LKW ab 7,5t EU-weit über Abbiege-Assistenten verfügen. Inwieweit können die geplanten Regeln Leben retten?
Aus der amtlichen Statistik geht die Zahl der bei Abbiegeunfällen nach rechts zwischen Lkw und geradeausfahrenden Fahrrädern verletzten oder getöteten Radfahrern nicht hervor. Die UDV schätzt, dass jährlich etwa 20 bis 30 dieser Unfälle für den Radfahrer tödlich enden. Diese Zahl ist, gemessen an rund 400 Getöteten Radfahrern pro Jahr und erst recht gemessen an der Zahl der rund 3200 Verkehrstoten pro Jahr, eher klein. Allerdings handelt es sich hier in der Regel um sehr schwere Unfälle, gerade auch wenn der Radfahrer schwerverletzt überlebt.

Wir wissen, dass die tödlichen Unfälle überwiegend mit schweren Lkw über 12t geschehen. Allerdings sind auch Lkw über 7,5 t in schwere Unfälle verwickelt. Der geplante Einführungszeitpunkt 2022 für neue Fahrzeugmodelle ist das in den internationalen Verhandlungen maximal erreichbare, ich halte ihn aber für optimistisch. Selbst wenn der Termin zutrifft, heißt das: Bis alle Lkw mit einem Abbiegeassistenten ausgerüstet sind, dauert es von jetzt an noch 10 Jahre. Umso wichtiger wird es sein, dass die Bundesregierung Fördertöpfe für die Nachrüstung zur Verfügung stellt, und die Bedingungen definiert, unter denen ein System förderfähig ist. Denn nur „gute“ Assistenten mit einer sehr geringen Fehlwarnquote sind sinnvoll.

Einige Experten fordern ebenfalls, die bereits vorgeschriebenen Notbremsassistenten auf die Erkennung von Fahrrädern zu erweitern. Wie stehen Sie dazu?
Die bereits vorgeschriebenen Notbremsassistenten wirken nur in Längsrichtung und somit nicht beim Abbiegevorgang. Unsere Unfalldaten zeigen für den vor dem Lkw kreuzenden bzw. vorausfahrenden Radfahrer eine gewisse Relevanz im Unfallgeschehen, so dass hier eine Funktionserweiterung des Notbremsassistenten sinnvoll sein könnte. Auch vor dem Lkw kreuzende Fußgänger sind im Unfallgeschehen relevant und sollten durch den Notbremsassistenten erkannt werden.

Wie könnte im Zuge der technischen Entwicklung auch das Fahrrad aufgerüstet werden, um es vor Unfällen mit LKW zu schützen?
Speziell die akkurate Erkennung von Fahrrad-Fahrenden in kritischen Situationen ist eine Herausforderung für Sicherheitssysteme am Fahrzeug allgemein. Hier könnten Fahrräder zukünftig helfen, indem sie sich per Nahfeldkommunikation für andere Fahrzeuge eindeutig zu erkennen geben.

Welche weiteren Maßnahmen sehen Sie, die Fahrrad-Fahrenden vor Unfällen mit LKW schützen können?
Anders als beim abbiegenden Pkw kann die Kreuzungsgestaltung das Problem der mangelnden Sicht aus dem Führerhaus nicht beheben. Hilfreich wären aber getrennte Grünphasen für abbiegende Fahrzeuge und geradeaus fahrende Radfahrer. Wir müssen aber auch dem Radfahrer sagen, dass bei diesen Unfällen schwerste Verletzungen drohen. Deshalb ist vorausschauendes Fahren wichtig und im Zweifel auch einmal der Verzicht auf das Vorfahrtsrecht.