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21.11.2018
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TEMPO 30 SOLLTE INNERSTÄDTISCHE REGEL-HÖCHSTGESCHWINDIGKEIT WERDEN

Was Fußgängern besser hilft als Bodenampeln

Stefan Lieb, Vorstandsmitglied FUSS e.V.

Stefan Lieb, Vorstandsmitglied FUSS e.V. [Quelle: FUSS e.V.]


Bei der Debatte um Bodenampeln für Smartphone-Junkies verweist Stefan Lieb vom FUSS e.V. darauf, dass "die Gefährdung von Fußgängern, die Smartphones nutzen, z.Z. statistisch nicht zu belegen" ist. Er sieht ganz andere Möglichkeiten, Fußgänger im Verkehr besser zu schützen.


Was halten Sie von der Kölner Idee (Kölner Verkehrsbetriebe), mit Bodenampeln die Sicherheit für Fußgänger zu erhöhen - Hintergrund sind sog. „Swombies“, also Smartphonenutzer, die an Straßen und Bahnübergängen häufig Ampeln übersehen?
Uns liegen dazu noch keine gesicherten Erkenntnisse vor. Es kann sein, dass diese Bodenampeln „nice to have“ sind. Evtl. lenken sie jedoch vom Verkehr ab oder blenden Seheingeschränkte.

Wie groß schätzen Sie das Gefahrenpotential durch übermäßige Smartphone-Nutzung bei Fußgänger/innen grundsätzlich  tatsächlich ein?
Das Queren von Fahrbahnen erfordert von Fußgängerinnen und Fußgänger ihre volle Aufmerksamkeit. Dies ist auch der Fall, wenn sie die Straße an Ampeln oder Zebrastreifen mit einer Vorrangregelung überschreiten. Deshalb ruft FUSS e.V. dazu auf, in diesen Situationen mobilen Endgeräten keine Aufmerksamkeit zu widmen. Durch fehlende Aufmerksamkeit kann man sich selbst und andere Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer gefährden oder sogar in Lebensgefahr bringen. Unachtsamkeit kann nach einem Unfall als „Fehler beim Überschreiten der Fahrbahn“ bewertet werden und zumindest zu einer Mitschuld führen.

Etwa vor zwei Jahren hat die Diskussion in der Öffentlichkeit begonnen, Fußgänger und Fußgänger/innen, die mit ihren Smartphones beschäftigt sind, als „Smombies“ zu bezeichnen - mit dem Vorwurf, ohne auf den Verkehr zu achten auf die Fahrbahn zu laufen. Würde dieser Vorwurf zutreffen, müsste mit der Zunahme der Smartphone-Nutzung folgerichtig eine Zunahme entsprechender Unfälle einhergehen. Das gibt die bundesweite Unfallstatistik jedoch nicht her: Die Unfallzahlen im Zusammenhang mit der Unfallursache „betreten der Fahrbahn ohne auf den Verkehr zu achten“ sind vom Jahr 2000 bis 2016 fast um die Hälfte (45%) gesunken - in absoluten Zahlen von 12.164 auf 6.675.

Was können Städte und Verkehrsbetriebe aus Verbandssicht tun, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen? Wie sollte ein sicherer und urbaner Stadtverkehr der Zukunft aussehen?
Wir rufen die Kommunen auf, soweit wie möglich die latenten Gefahren insbesondere durch den Abbiegeverkehr an Kreuzungen und Einmündungen mit Lichtsignalanlagen mithilfe abgesicherter Grünzeiten für den Fußverkehr zu vermindern. Grundsätzlich sollten die Sichtbeziehungen im Stadtverkehr verbessert werden: Querungswillige Fußgänger und Autofahrer müssen sich gegenseitig rechtzeitig sehen. Dabei helfen z.B. Gehwegvorstreckungen in den Parkstreifen und durchgesetzte Haltverbote. Pkw insgesamt werden immer größer und höher – die SUV sind dabei die große Spitze des Eisbergs. Solche Fahrzeuge verhindern, wenn sie am Straßenrand, an Kreuzungen oder gar auf Gehwegen abgestellt werden, die dringend notwendigen Sichtkontakte zwischen fließendem Kfz-Verkehr und den Fußgängern. Hier müssen Exekutive und Legislative eingreifen.

Um Unfälle zu verhindern, brauchen wir alle genug Zeit um eigene oder Fehler anderer Verkehrsteilnehmer rechtzeitig „ausbügeln“ zu können. Je höher die gefahrenen Tempi sind, desto „plötzlicher“ kommt z.B. ein Fußgänger auf die Fahrbahn. Daher sollte Tempo 30 die Regel-Höchstgeschwindigkeit in den Kommunen werden. Begründete Ausnahmen wären selbstverständlich möglich.

Sollte der Gesetzgeber den Missbrauch von Smartphones im Straßenverkehr stärker ahnden?
Wie bei der zweiten Frage ausgeführt, ist die Gefährdung von Fußgängern, die Smartphones nutzen, z.Z. statistisch nicht zu belegen. Dennoch sollten die Fußgänger auf die potenziellen Gefahren hingewiesen werden. Da Fußgänger „bis zur Bordsteinkante“ legal Smartphones nutzen dürfen, ist ein Nachweis eines evtl. Fehlverhaltens schwer zu führen. Konzentrieren sollte man sich daher bei der Ahndung auf die Verkehrsteilnehmer/innen, die für sich und andere nachgewiesenermaßen ein Risiko darstellen, wenn sie fahren und gleichzeitig ihr Smartphone nutzen. Ggf. muss dabei nicht die potenzielle Strafe verschärft werden, sondern die Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden muss größer werden.