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21.07.2018
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SMARTPHONENUTZUNG SORGT FÜR 17 % DER TÖDLICHEN VERKEHRSUNFÄLLE

Warum wohl nur härtere Strafen helfen

Walter Niewöhner, DEKRA Unfallforschung

Walter Niewöhner, DEKRA Unfallforschung [Quelle: DEKRA/ Thomas Küppers]


"Mit Sicherheit ist Ablenkung im Straßenverkehr eine der größten Gefahren – und im Übrigen eine, die weiter zunimmt", sagt DEKRA-Unfallforscher Walter Niewöhner und kennt bestürzende Zahlen. Bodenampeln sind indes keine Lösung.


Was halten Sie von der Kölner Idee (Kölner Verkehrsbetriebe), mit Bodenampeln die Sicherheit für Fußgänger zu erhöhen?
Die Versuche, die neben Köln unter anderem auch in Augsburg gelaufen sind, haben nicht überzeugt. Nicht umsonst wurde in Köln schon vor zwei Jahren entschieden, die Idee nicht weiterzuverfolgen. Grundlage für die Entscheidung war eine Untersuchung mit dem Ergebnis, dass die Bodenampeln dem Problem der abgelenkten Fußgänger nicht beikommen. Insofern muss man sagen: Das war eine Idee, die zu verfolgen sicher sinnvoll war, aber wenn man sieht, dass es nichts nützt, ist es auch richtig, das Ganze zu lassen.

Der Knackpunkt ist sicher, dass die Aufmerksamkeit eben auf das Smartphone fokussiert ist – und daran kann ganz offenbar auch das rote Licht im Boden nicht entscheidend etwas ändern.

Wie groß schätzen Sie das Gefahrenpotential durch übermäßige Smartphone-Nutzung grundsätzlich tatsächlich ein?
Mit Sicherheit ist Ablenkung im Straßenverkehr eine der größten Gefahren – und im Übrigen eine, die weiter zunimmt. Schon vor zwei Jahren haben wir in einer groß angelegten Verkehrsbeobachtung in sechs europäischen Hauptstädten festgestellt, dass mehr als jeder sechste Fußgänger (17 %), der die Straße überquert, dabei durch sein Smartphone vom Verkehrsgeschehen abgelenkt ist. Eine weitere Verkehrsbeobachtung mit Pkw-Fahrern im vergangenen Jahr zeigte: Zu jedem beliebigen Zeitpunkt sind 7 % aller Fahrer gerade dadurch abgelenkt, dass sie das Smartphone in der Hand halten. Hinzu kommen die 10 %, die mit Freisprecheinrichtung telefonieren – was durchaus auch einen Ablenkungsfaktor bedeutet.

Das alles zeigt, wie bedeutsam der Faktor Ablenkung für die Verkehrssicherheit werden kann. Und jüngst hat etwa das baden-württembergische Innenministerium vorgerechnet: Von allen tödlichen Unfällen im Land vergangenen Jahr spielte bei 17 % Ablenkung durch Smartphones eine ursächliche Rolle. Also: Das Risiko ist hoch, und die Gefahr ist real.

Was können Städte und Verkehrsbetriebe aus Ihrer Sicht tun, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen? Wie sollte ein sicherer und urbaner Stadtverkehr der Zukunft aussehen?
Zum einen muss das Thema Verkehrssicherheit noch viel mehr in die Öffentlichkeit getragen werden. Den Menschen muss bewusst werden, welcher Gefahr sie sich und andere durch bestimmte Verhaltensweisen aussetzen. Wir brauchen – gerade beim Thema Ablenkung – einen neuen gesellschaftlichen Konsens, ähnlich wie sich das in Sachen Alkohol am Steuer entwickelt hat. Vor einigen Jahrzehnten galt es noch als völlig normal, nach einem feucht-fröhlichen Abend noch selbst nach Hause zu fahren. Das hat sich deutlich gewandelt, ein solches Verhalten wird gesellschaftlich längst nicht mehr so selbstverständlich akzeptiert. Was die Ablenkung am Steuer durch die Smartphone-Nutzung angeht, müssen wir zu einer vergleichbaren gesellschaftlichen Ablehnung kommen.

Insgesamt müssen viele kleine Bausteine zusammenspielen, um die Verkehrssicherheit voranzubringen. Dabei sollten Verantwortliche in der Verwaltung durchaus auch gezielt auf Hinweise auf der Bevölkerung setzen. Viele Menschen erleben auf ihren täglichen Wegen hautnah, wo es Risiken gibt, die beseitigt werden können. Und wenn das geschieht, ist es wiederum wichtig, diese oftmals vermeintlich kleinen Maßnahmen bekannt zu machen. Das führt meiner Meinung nach dann nämlich wiederum zu weiteren Ideen, und so können die Fortschritte wieder neue Fortschritte inspirieren.

Sollte der Gesetzgeber den Missbrauch von Smartphones im Straßenverkehr stärker ahnden?
Ich fürchte, dass daran kein Weg vorbei führen wird. All die Aufklärungsarbeit, die wir und andere leisten, ist wichtig – aber der Eindruck drängt sich auf, dass ein Bewusstseinswandel letztlich nur durch härtere Sanktionen zu bewerkstelligen ist.