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Interview06.12.2019

Nutzer und Urheber haben keinen direkten Konflikt

Wo das Problem beim digitalen Musikmarkt liegt

Prof. Rainer Tempel - Leiter Institut Jazz & Pop der HMDK Stuttgart, Jazz-Komponist Quelle: Immo Klink Prof. Rainer Tempel Leiter Institut Jazz & Pop HMDK Stuttgart
INITIATOR DIESER FACHDEBATTE
Uwe Schimunek
Freier Journalist
Meinungsbarometer.info
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"Jeder, der schon länger Musik produziert weiß, dass mit der Digitalisierung der Kuchen ganz neu verteilt wurde", sagt der Komponist und Hochschullehrer Prof. Rainer Tempel. Deswegen sieht er die zentralen Konflikte auch nicht zwischen Nutzern und Urhebern, sondern zwischen beiden und den Plattformen. Rainer Tempel arbeitete als Komponist, Arrangeur oder Dirigent für zahlreiche Jazzorchester und klassische Klangkörper und schrieb beispielsweise Bühnenmusik. Über 20 Tonträger dokumentieren seine Arbeit.





Nach einer aktuellen Untersuchung nutzen immer weniger junge Leute illegale Inhalte aus dem Internet – zugleich sind es europaweit immer noch sehr viele. Wie bewerten Sie das?
Als einen Schritt in die richtige Richtung einerseits, jedenfalls was ein Bewusstsein für den Wert der kreativen Tätigkeit angeht. Gleichwohl profitieren davon ja primär die Plattformen und noch immer viel zu wenig Urheber und Interpreten und ggf. Labels. Ein wenig mag auch das Unwohlsein eine Rolle spielen, das sich beim Aufenthalt auf illegalen Portalen gleichwelcher Art einstellt. Jeder spürt mindestens unterbewusst, das man nicht ganz anonym bleiben kann im Netz.

Vor allem Preis, Sicherheit und Qualität legaler Angebote überzeugen deren Nutzer – welche Modelle könnten die restlichen Nutzer eventuell überzeugen?
Ich bin skeptisch, ob der Preis von seinem ersten Platz überhaupt irgendwo verdrängt werden kann. Wir sehen das beim Kauf von Kleidung oder Fleisch doch jeden Tag. Alles andere ist nachrangig oder nur punktuell eine Entscheidungshilfe, die nur in einem kleinen Segment wirksam wird.

Viele Musiker beklagen, dass die Streaming-Plattformen ihnen zu wenig Einnahmen generieren. Inwieweit lassen sich die Interessen der Nutzer und Urheber überhaupt zusammenbringen?
Nutzer und Urheber haben, denke ich, keinen direkten Konflikt, eher die Plattform in beide Richtungen: sie hat Interesse an viel Nutzung, Aufenhthaltsdauer und den damit verbunden Daten und lässt die Urheber erst ab einer gewissen Größenordnung überhaupt Geld verdienen. Songaufrufe werden zum Beispiel nicht transparent gezählt und nicht immer anteilig sondern „anhand bestimmter Algorithmen validiert“ (Youtube). Die Nutzer würde es vermutlich gerne sehen, wenn direkt die Urheber profitieren, deren Musik oder Videos sie nutzen.

Jeder, der schon länger Musik produziert weiß, dass mit der Digitalisierung der Kuchen ganz neu verteilt wurde: eine Suchmaschine wie Google (mit Youtube) oder ein Computerhersteller wie Apple (mit iTunes) vertreiben jetzt einen großen Teil der Musik dieser Welt und sind dadurch sehr mächtig. Die vermeintlichen Vorteile für die Künstler wie günstigere (weil digitale) Produktion, ggf. Unabhängigkeit von Labels und weltweite Verfügbarkeit ihrer Werke sind in meiner Wahrnehmung kein wirksamer Ausgleich - und werden doch stets genannt, wenn Regulierung diskutiert wird.

Der Dienst Deezer hat angekündigt, (zunächst in Frankreich) die Abrechnung auf ein nutzerbasiertes Modell umzustellen, bei dem die Erlöse an die vom Nutzer die gehörten Künstler ausgeschüttet werden. Wie finden Sie das?
iTunes gibt es seit 2001, Youtube seit 2005 und Deezer seit 2007. Das ist eine Ewigkeit im Zeitalter der Digitlisierung. So lange es ging, haben sich die Anbieter gegen Vereinbarungen mit bspw. der GEMA in Deutschland gewehrt, bei YouTube ist hier noch immer nicht alles zufriedenstellend für die Urheber. Dabei ist die GEMA ja nur das eine, der Anteil am Erlös noch einmal was anderes.

Insofern finde ich diese Ankündigung nicht besonders ehrenwert. Sie ist die viel zu späte Einführung einer größeren Gerechtigkeit und einer meines Erachtens rechtlichen Selbstverständlichkeit - wenn sie denn kommt.

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