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22.09.2019
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GEWERBLICHE AUSWERTUNG VON FILM IN KINO BEFINDET SICH IM FREIEN FALL

Welche Impulse der Film braucht

Dr. Lars Henrik Gass, Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen

Dr. Lars Henrik Gass, Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen [Quelle: Kurzfilmtage / Eduard Meltzer]


"Im Bereich Kurzfilm müssen wir seit Jahren schon andere Wege als über das Kino beschreiten", sagt Dr. Lars Henrik Gass, Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen mit Blick auf die wachsende Bedeutung von Streaming-Plattformen. Er plädiert auch für Änderungen an der Förderpraxis.


In Cannes blieben die großen Streaming-Plattformen draußen, in Venedig gewann die Netflix-Produktion „Roma“ den Goldenen Löwen. Wie gehen Sie mit Produktionen von VOD-Anbietern um?
Wir kooperieren mit ihnen, etwa mit Mubi. Im Bereich Kurzfilm müssen wir seit Jahren schon andere Wege als über das Kino beschreiten. Im Festival selbst halten wir an der kulturellen Praxis Kino aber fest. Filmfestivals werden mehr und mehr zu Marken, die über das ganze Jahr Absender von Inhalten sind. Da liegt eine Zusammenarbeit mit neuartigen Auswertungsmodellen nahe.

Die Streaming-Plattformen investieren Milliarden in ihre Produktionen und setzen nicht selten Maßstäbe in Sachen Optik und Narration – inwieweit könnten die VOD-Anbieter dem Kino den Rang ablaufen?
Das tun sie stetig. In Deutschland hat die Kinoindustrie 100 Millionen weniger an der Kinokasse erlöst als im Vorjahr. Die Anteile bei Leuten unter Mitte 30 sind zweistellig gefallen. Man kann also sagen: Die gewerbliche Auswertung von Film in Kino befindet sich im freien Fall. Kein Wunder also, dass die Kinoindustrie auf einmal den "Kulturort" Kino entdeckt, da mit Filmen dort kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist.

Auch hierzulande gibt inzwischen häufiger Produktionen von Netz-Plattformen – wie könnte das den hiesigen Markt verändern?
Ich verspreche mir wenig formale Innovation, wenn Algorithmen Ästhetik machen.

Derzeit bekommen reine Streaming-Produktionen in Deutschland keine Filmförderung. Wie sollte das aus Ihrer Sicht künftig sein?
Nach meinem Dafürhalten muss die kommerzielle Filmförderung ohnehin von der kulturellen getrennt werden, nicht weil Film nicht Kultur und Kunst zugleich wäre, sondern weil die kommerziell ausgerichtete Filmförderung erkennbar zulasten der kulturellen geht und keinerlei formale Entwicklungen mehr erkennen lässt. Zu einem Zeitpunkt, wo die gewerbliche Auswertung von Filmen im Kino dem Ende entgegen geht, benötigt das Kino einen starken kulturellen Impuls, denn Filme kann man in der Tat bequemer zuhause schauen.