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19.08.2019
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FORSCHER PLÄDIERT FÜR POLITISCHE FÖRDERUNG DER BINNENSCHIFFFAHRTS-DIGITALISIERUNG

Welche Hürden für Innovationen es in der Branche gibt

Prof. Dr. Jan Ninnemann, Studiengangsleiter BSc Logistics Management an der HSBA Hamburg School of  Business Administration

Prof. Dr. Jan Ninnemann, Studiengangsleiter BSc Logistics Management an der HSBA Hamburg School of Business Administration [Quelle: HSBA]


"Grundvoraussetzung, um innovative Lösungen in der Binnenschifffahrt zu implementieren, bildet die Bereitschaft der Prozessbeteiligten, die digitale Transformation aktiv mitzugestalten", sagt der Forscher Prof. Dr. Jan Ninnemann. Er hat eine Studie über die Digitalisierung der Branche verfasst.


Eine Studie zur Digitalisierung der Binnenschifffahrt fordert eine deutlich intensivere Ausrichtung der Akteure an digitalen Trends - wie groß ist der Nachhole-Bedarf bei den Unternehmen?
Grundvoraussetzung, um innovative Lösungen in der Binnenschifffahrt zu implementieren, bildet die Bereitschaft der Prozessbeteiligten, die digitale Transformation aktiv mitzugestalten. Hierfür ist eine offene Grundhaltung gegenüber dem Einsatz technologischer Entwicklungen und Innovationen im Alltag von zentraler Bedeutung. Schlagwörter wie Agilität, Kollaboration und Transparenz spielen hierbei eine wichtige Rolle. Allerdings zeigt sich, dass im Binnenschifffahrtsgewerbe das Denken in Silos und bekannten Strukturen und Mustern noch relativ stark ausgeprägt ist – diese Hürden gilt es zu überwinden. Weiterhin bildet die technische Ausstattung der Flotte einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einer digitalen Binnenschifffahrt. Insbesondere für die Schiffe, die im Rheinstromgebiet verkehren gilt dabei, dass der überwiegende Teil der fahrenden Einheiten mit etablierter Technik ausgestattet ist, d. h. die Schiffe wurden in den letzten Jahren technisch aufgerüstet und mit entsprechenden Systemen ausgestattet. Allerdings zeigt sich mit Blick auf die in anderen Fahrtgebieten verkehrenden Einheiten z. T. ein deutlich anderes Bild. Während das Telefon auch hier zum Standard zählt, wenn z. T. auch nur über „herkömmliche“ Mobiltelefone bzw. wenn Smartphones vorhanden sind, werden diese lediglich eingeschränkt in ihrer Funktionalität genutzt, ist die Ausstattung mit Laptop- oder Tablet-PC‘s, um E-Mails oder externe Daten zu empfangen oftmals noch begrenzt bzw. noch nicht flächendeckend. Die Gründe hierfür sind äußerst vielfältig und reichen von hohen Betriebs- und Anschaffungskosten, über Angst vor Beschädigung, Ablenkung des fahrenden Personals bis hin zu einer mangelnden Affinität der Schiffsbesatzungen hinsichtlich digitaler Lösungen/Systeme.
 
Angeregt wird der Aufbau einer Online-Plattform zum (Verkehrs-)Datenaustausch - wer sollte diese zu welchen Bedingungen betreiben?
Plattformen sind das beherrschende Geschäftsmodell in der digitalen Ökonomie, die daher vielfach auch als „Plattformökonomie“ bezeichnet wird. Bezogen auf die Digitalisierung der Binnenschifffahrt ergibt sich ein wesentlicher Nutzer aus einer verbesserten Vernetzung der Prozessbeteiligten, wobei hier gilt, dass der Nutzen maßgeblich durch die Anzahl der Teilnehmer determiniert wird. Anders als in der „klassischen“ Plattformökonomie, wo vor allem der „Match“ von Angebot und Nachfrage im Mittelpunkt steht, sind in der Binnenschifffahrt Lösungen relevant, die dazu beitragen, durch eine verbesserte Informationsbereitstellung, Prozesse und Abläufe zu optimieren. Hierbei ist zwischen Informationen, die den Verkehr direkt betreffen und ladungsspezifischen Informationen zu unterscheiden. Während erstgenannte Ansätze grundsätzlich in den Zuständigkeitsbereich der öffentlichen Hand im Sinne einer Informationspflicht oder Daseinsvorsorge fallen, gilt für den Austausch ladungsbezogener Daten, das eine derartige Plattform bestenfalls durch einen neutralen Anbieter bereit gestellt und betrieben werden sollte. Aufgrund der heterogenen IT-Landschaft und der vergleichsweise schwachen Finanzkraft innerhalb der Branche scheinen hier vor allem Pay-per-Use Modelle als Vorteilhaft.
 
Wie sieht es derzeit mit dem Ausbau der digitalen Infrastruktur entlang der Wasserstraßen aus?
Neben einer notwendigen (AIS-)Abdeckung zur Positionsbestimmung, die heute entlang weiter Teile der Wasserstraßeninfrastruktur gegeben ist, spielt auch die Verfügbarkeit einer leistungsfähigen IuK-Infrastruktur entlang der Wasserstraßen eine wichtige Rolle, um eine Digitalisierung der Prozessstrukturen im Wasserstraßentransport zu ermöglichen. Von besonderer Relevanz ist hierbei der verfügbare Mobilfunkstandard und damit die Geschwindigkeit für die Nutzung von Internetdiensten bzw. die Datenrate. Trotz einer relativ hohen Netzdichte zeigen sich insbesondere in einzelnen dünn besiedelten Räumen Lücken in der Abdeckung. Hinzu kommt, dass die Mobilfunkantennen der Anbieter vielfach nicht in Richtung Wasserstraße ausgerichtet sind. Eine wichtige Rolle im Hinblick auf den Aufbau neuer, digitaler Lösungen spielt der 5G-Standard. Der neue Standard gilt aufgrund der hohen Geschwindigkeit und Bandbreite als Voraussetzung für die breite Nutzung von IoT-Anwendungen, bei denen automatisch relevante Informationen aus der realen Welt erfasst, miteinander verknüpft und im Netzwerk bei Bedarf in Echtzeit verfügbar gemacht werden. Für viele digitale Projekte (wie z. B. das autonome Fahren) sind darüber hinaus weitere Komponenten im Bereich der technischen Landinfrastruktur erforderlich. Hierzu zählen u. a. visuelle oder radarreflektierende Schifffahrtszeichen, Lichtsignale, W-LAN Spots an Brücken oder Schleusen, GNSS zur Schiffspositionierung, Schiffs- oder Landradar sowie landgestützte CCTV-Kameras.

Wie sollte die Politik die Binnenschifffahrt bei der Digitalisierung unterstützen?
Die digitale Transformation stellt die Transport- und Logistikbranche und damit auch die Binnenschifffahrt vor erhebliche Herausforderungen. Zum Erhalt der (intermodalen) Wettbewerbsfähigkeit sind die Akteure im System Wasserstraße gefordert, verstärkt Investitionen im Bereich Digitalisierung zu tätigen, auf digitale Innovation zu setzen und neue Lösungen unter Einbindung moderner IuK-Technologien zu suchen. Diesbzgl. ist es Aufgabe der Politik IT-Investitionen, sonstige digitale Innovationen oder Innovationstreiber durch entsprechende Zuschüsse, Förderprogramme, Förderberatung oder die Schaffung der notwendigen Rahmenbedingungen für neue Finanzierungsformen zu unterstützen. Eine wichtige Rolle auf dem Weg zu einer digitalen Binnenschifffahrt spielt auch die Einsicht der Marktakteure und die Offenheit für (digitale) Neuerungen. Dabei kann unterstellt werden, dass digitale Lösungen nur dann Akzeptanz finden, wenn sich ein konkreter Nutzen für die Prozessbeteiligten ableiten lässt. Da dies z. T schwer zu realisieren ist, bedarf es in einigen Fällen entsprechender Auflagen oder Nutzungsverpflichtungen, um neue Technologien zum Einsatz zu bringen. Auf Basis dieser Überlegungen gilt es, digitale Angebote bereitzustellen, die konkrete Vereinfachungen bestehender Prozesse oder sonstige Effizienzgewinne versprechen. Eine enge Vernetzung der vielfältigen Projektansätze durch die Politik bzw. die öffentliche Hand ist hierbei zwingend.