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19.12.2018
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EVANGELISCHE BEHINDERTENHILFE FORDERT FÖRDERUNG DER TEILHABEFORSCHUNG

Wie digitale Technik helfen kann - und wie sie dafür beschaffen sein muss

Rolf Drescher, Geschäftsführer des Bundesverbands evangelische Behindertenhilfe e.V.

Rolf Drescher, Geschäftsführer des Bundesverbands evangelische Behindertenhilfe e.V. [Quelle: Bundesverband evangelische Behindertenhilfe e.V.]


"Hersteller von Produkten sowie Programmierer haben selten bereits Kontakt mit Menschen mit Behinderung gehabt, sollen aber dann für diese Zielgruppe ein Produkt herstellen oder ein Programm schreiben", bemängelt Rolf Drescher, Geschäftsführer des Bundesverbands evangelische Behindertenhilfe e.V. Dabei können mit einem partizipativen Entwicklungsprozess auch finanzielle Vorteile für Unternehmen einhergehen.


Digitale Devices wie Mobilfunkgeräte oder Sprachassistenten können Menschen mit Behinderungen wertvolle Hilfe im Alltag leisten – wenn die Anbieter auf deren Bedürfnisse achten. Wie schätzen Sie das Angebot bezüglich der Barrierefreiheit ein?
Viele Endgeräte bieten mittlerweile die Möglichkeit individuelle Einstellungen vorzunehmen. Beim iPhone heißt diese Möglichkeit beispielsweise Bedienungshilfen: über die Bedienungshilfen können unter den Oberbegriffen Sehen, Interaktion, Hören, Medien und Lernen verschiedene Einstellungen vorgenommen werden. Zum Beispiel ermöglicht die Funktion VoiceOver, dass Bildschirmobjekte vorgelesen werden. Weiter ist es zum Beispiel möglich für die Erinnerung an Termine einen LED-Blitz einzustellen, also ein visuelles Signal zu erhalten anstelle eines akustischen Signals. Ähnliche Funktionen gibt es auch bei Android basierten Endgeräten sowie Endgeräten von Windows, dort finden sich diese Funktionen unter dem Begriff Erleichterte Bedienung und Eingabehilfen. Zusammenfassend ist also die Barrierefreiheit in Bezug auf die technische Einstellung von Endgeräten schon recht fortgeschritten.

Anders sieht es leider bei Medieninhalten aus: besonders in Bezug auf Inhalte in Leichter oder Einfacher Sprache, finden sich bislang wenig Angebote. Webseiten von öffentlichen Einrichtungen müssen barrierefrei sein, momentan bedient man sich hier oft einer Hilfskonstruktion: Die Sitemap, also die Inhaltszusammenfassung der Webseiten ist häufig in Leichter Sprache verfügbar, allerdings ebenso häufig in einer gekürzten Version. Hinzu kommt, dass die eigentlichen Inhalte weiterhin nur in Expertensprache verfügbar sind. So kann ich mich darüber informieren, was die Seite potenziell für mich an Informationen bereithält, die eigentlichen Informationen sind mir aber nicht zugänglich.

Wichtig ist darüber hinaus, dass Zugänglichkeit nicht nur in Bezug auf Endgeräte und Medieninhalte bezogen wird, sondern auch auf barrierefreie Lernorte: Orte, wie das PIKSL Labor sind notwendig, um Erfahrungen zu sammeln und so Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien zu erwerben. 

Was wünschen Sie sich von Herstellern und Programmierern künftig?
Hersteller von Produkten sowie Programmierer haben selten bereits Kontakt mit Menschen mit Behinderung gehabt, sollen aber dann für diese Zielgruppe ein Produkt herstellen oder ein Programm schreiben. Im Zweifelsfall haben sie also gar keine Vorstellung von der Lebenswelt von Menschen mit Behinderung. Hinzu kommt, dass sich Lebenswelten natürlich auf Basis verschiedener Behinderungen stark unterscheiden. Wichtig und sinnvoll ist es somit Produkte und Programme von vorneherein gemeinsam mit Menschen mit Behinderung zu entwickeln, denn Menschen mit Behinderung wissen natürlich selbst am besten, was sie benötigen und können damit die besten Hinweise liefern. Daher ist es wichtig, dass Menschen mit Behinderung als Experten in eigener Sache anerkannt werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dann auch die Akzeptanz von Produkten und Programmen bei anderen Menschen mit Behinderung erhöht wird.

Des Weiteren kann man davon ausgehen, dass ein Produkt oder ein Programm, das von Menschen mit Lernschwierigkeiten genutzt und verstanden wird, von den meisten Menschen genutzt und verstanden werden kann. Damit sind Menschen mit Behinderung Experten für Universal Design Lösungen, also Produkten und Programmen, die potenziell von jedem genutzt werden können. Gleichzeitig muss man sagen, dass die Herausforderung ein Produkt oder Programm zu entwerfen, welches wirklich von jeder Person genutzt werden kann, sehr groß ist.

Welche Anreize sollte die Politik für Hersteller und Programmierer setzten?
Finanzielle Anreize sind natürlich am reizvollsten. Finanzielle Mittel sollten allerdings wirklich nur dann fließen, wenn Menschen mit Behinderung von vorneherein in die Entwicklung miteinbezogen werden – also inklusiv gearbeitet wird. Es reicht nicht, sich als Hersteller oder Programmierer Barrierefreiheit auf die Fahne zu schreiben, solange es keine Bestrebung gibt, den Entwicklungsprozess partizipativ zu gestalten.

Ein weiterer Anreiz ist die Erschließung neuer Kundengruppen: zum einen ist davon auszugehen, dass das soziale Umfeld von Menschen mit Behinderung ebenfalls auf barrierefreie Produkte und Programme setzt. Zum anderen sind Produkte und Programme, die das Universal Design verfolgten, von einer großen Zielgruppe nutzbar, sodass hier automatisch der Umsatz und Gewinn gesteigert wird. Mit einem partizipativen Entwicklungsprozess gehen also auch finanzielle Vorteile für Unternehmen einher.

Es gibt einzelne Programme mit digitalem Schwerpunkt, etwa beim Bundes-Forschungsministerium ein Förderprogramm zur Inklusion in der beruflichen Bildung. Welche Programme würden Sie sich darüber hinaus wünschen?
Es wäre wünschenswert, wenn es weiterhin mehr Förderprogramme gäbe, die partizipative Forschungs- und Entwicklungsprojekte in den Fokus stellen. In Bezug auf das genannte Förderprogramm zur Inklusion in der beruflichen Bildung wird richtigerweise verlangt, dass bei der Antragstellung bereits Unternehmen genannt werden, mit denen gearbeitet werden kann. Das gleiche sollte auch für die Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderung als Experten in eigener Sache gelten.

Wichtig erscheint, dass auch in Bezug auf die inklusive Medienbildung mehr Forschung betrieben werden sollte. Das betrifft sowohl die inklusive Medienbildung in inklusiven sowie in Förderschulen, aber auch die inklusive Medienbildung entlang der gesamten Bildungskette. Hier ist es besonders wichtig, dass Medienbildung sowohl einen zentraleren Stellenwert in den Curricula der Lehramtsstudiengänge sowie der Sozialen Arbeit einnimmt, als auch in Ausbildungsberufen wie der Heilerziehungspflege stärker integriert wird. Des Weiteren ist es notwendig, das informelle und lebenslange Lernen in den Blick zu nehmen und Orte der Befähigung für Menschen mit Behinderung anzubieten.

Ergänzend sei noch darauf hingewiesen, dass entsprechende Programme unter dem Label „Teilhabeforschung“ eingeführt werden müssten. Also Forschung, bei der die Zielgruppe (Menschen mit Behinderung) im Fokus steht und soweit wie möglich auch direkt beteiligt wird. Ein Ansprechpartner für dieses Thema ist das Aktionsbündnis Teilhabeforschung, dem auch der BeB angehört; siehe https://teilhabeforschung.bifos.org/