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18.01.2018
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BARRIEREFREIHEIT BEDEUTET NICHT NUR RAMPEN STATT TREPPEN

Was in der digitalen Welt besser werden muss

Petra Wontorra, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen Land Niedersachsen

Petra Wontorra, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen Land Niedersachsen [Quelle: Tom Figiel]


"Geräte sollten möglichst von allen Menschen ohne fremde Hilfe bedient werden können", nennt die niedersächsische Behindertenbeauftragte Petra Wontorra als Ziel in digitalen Welt. Deshalb sollten bei der Planung, Entwicklung und Ausführung Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen und ihre Vertreter einbezogen werden.


Digitale Devices wie Mobilfunkgeräte oder Sprachassistenten können Menschen mit Behinderungen wertvolle Hilfe im Alltag leisten – wenn die Anbieter auf deren Bedürfnisse achten. Wie schätzen Sie das Angebot bezüglich der Barrierefreiheit ein?
Ich nehme wahr, dass die Entwicklung in zwei Richtungen geht. Auf der einen Seite sind Geräte leichter zu bedienen und sind zum Teil schon länger Alternativen zu speziellen Hilfsmitteln für bestimmte Zielgruppen. Beispielsweise:
• iPad und iPhone können bei der Unterstützten Kommunikation (UK), in der Sprachtherapie und in der Schule eingesetzt werden.
• Die App „GRETA“ liefert die Audiodeskription (Beschreibung, was passiert, während nicht gesprochen wird) für blinde Menschen im Kino zu vielen aktuellen Filmen
• Gebärdensprach-Apps erleichtern die Kommunikation mit gehörlosen Menschen.
Zum anderen werden beispielsweise blinde Menschen bei bestimmten digitalen Lösungen, z. B. bei Touchscreens (Kaffeemaschine, Fahrstuhl) ohne Sprachausgabe ausgeschlossen, wenn die Informationen nicht zugänglich sind.
Es dauert oft lange, bis Entwicklungen, die allgemein schon verfügbar sind, auch für bestimmte Anwendungen verfügbar gemacht werden. Ein Beispiel: Rasenmäher und Staubsauger, die selbständig an die Steckdose fahren – das ist im Hilfsmittelbereich ebenso wünschenswert, aber wird noch nicht ausreichend umgesetzt.

Was wünschen Sie sich von Herstellern und Programmierern künftig?
Barrierefreiheit bedeutet nicht nur Rampen statt Treppen zu bauen, sondern auch einen modernen Begriff der digitalen Barrierefreiheit zu gestalten und zu verstehen. Dazu müssen unterschiedliche Bedarfe aufgrund von Beeinträchtigungen grundsätzlich mitgedacht werden. Ein Display nützt blinden Menschen nur, wenn diesen nutzen können. Bilder müssen grundsätzlich mit Untertitel erläutert werden. Das 2-Sinne-Prinzip ist vollständig einzuhalten.

Kurz gesagt: Geräte sollten möglichst von allen Menschen ohne fremde Hilfe bedient werden können. Zu beachten ist auf jeden Fall, dass Menschen, die blind oder sehbehindert sind, nicht ausgeschlossen werden. Derzeit ist dies bei der Suchplattform GOOGLE schon alltäglich. Der Zugang ist nicht möglich, wenn die Abfrage vorweg kommt „markieren Sie alle Felder mit Verkehrsschildern“. In Dateien werden Inhalte von Tabellen oft nicht beschrieben oder es werden wesentliche Fotos eingefügt, die nicht erläutert werden. PDF-Dateien werden verwendet, die eingescannt wurden und dann als Bilddatei für Kommunikationshilfen nicht lesbar sind. Deshalb sollten bei der Planung, Entwicklung und Ausführung Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen sowie Verbände, die die Interessen von Menschen mit Behinderungen vertreten, immer einbezogen werden.

Welche Anreize sollte die Politik für Hersteller und Programmierer setzen?
Spezielle Apps für Menschen mit Behinderungen sind derzeit noch Marktlücken. Noch wird die große Bedeutung nach meiner Meinung unterschätzt. Die Einhaltung der EU-Richtlinie über den barrierefreien Zugang zu Websites und Apps sollte im Rahmen von Förderprogrammen überprüft werden. Ein Anreiz könnte mediale Öffentlichkeit in Anlehnung an den „BIENE Award“ sein, beispielsweise über eine Öffentlichkeitskampagne mit Preisvergabe, über die die Entwickler und Entwicklerinnen bekannter werden und sich besser auf dem Markt etablieren können. In der Jury sollten Persönlichkeiten und Menschen mit Behinderungen sein.

Beim Bundes-Forschungsministerium gibt es ein Förderprogramm zur Inklusion in der beruflichen Bildung. Welche Programme gibt es bei Ihnen und welche würden Sie sich darüber hinaus wünschen?
Die neue niedersächsische Landesregierung hat das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr um Digitalisierung im Namen erweitert, um die Wichtigkeit zu verdeutlichen. In Niedersachsen werden Förderprogramme über die NBank realisiert. Im Bereich Digitales sind dies:„Arbeit 4.0/ Weiterbildung“, „Digitalisierung als Teil Ihrer Existenzgründung“, „Digitalisierungsvorhaben finanzieren“ sowie „Digitalisierungsprojekte mit internationalen Partnern“.
Es fehlen Förderprogramme für Menschen, die in Einrichtungen oder mit wenig Einkommen leben. Ehrenamtlich Tätige, beispielsweise Behindertenbeiräte und –Beauftragte brauchen ausreichend Mittel für die Auslagen für das Ehrenamt incl. der digitalen Ausstattung. Einerseits geht es um den barrierefreien Zugang und die barrierefreie Nutzung. Andererseits muss auch die Infrastruktur vorhanden sein, wie Geräte, Programme, Hilfsmittel bei Beeinträchtigungen, Internet-Zugang etc. Zusätzlich sollte es Förderprogramme für Entwicklungen geben, die Lösungen für spezielle Behinderungsarten für kleinere Nutzergruppen entwickeln.