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19.08.2019
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08.04.2019 INTERVIEW
E-AUTOS | GERÄUSCHE

AUTOGERÄUSCHE NUR, WENN FUßGÄNGER IN DER NÄHE SIND?

Wie die Vorteile der leisen E-Autos und Sicherheitsansprüche zusammengehen können

Thomas Schreiner - Chefredakteur ARCD Clubmagazin Auto&Reise und ARCD-Pressesprecher

Thomas Schreiner - Chefredakteur ARCD Clubmagazin Auto&Reise und ARCD-Pressesprecher [Quelle: ARCD/Reiner Goetz]


"Während Fahrer eleganter Limousinen eher Wert auf eine zurückhaltende Geräuschkulisse legen, mögen es Fahrer von Sportwagen lieber kernig", weiß ARCD-Experte Thomas Schreiner. Er prognostiziert, dass E-Autos dem auch bald gerecht werden. Perspektivisch könnte es aber noch ganz anders kommen.


Im Sommer tritt eine EU-Verordnung in Kraft, nach der E-Autos sicherheitshalber Geräusche machen sollen – inwieweit sehen Sie den hiesigen Markt auf die neuen Regeln vorbereitet?
Ab Juli müssen neue Elektroauto-Typen Warntöne abgeben, um Fußgänger und Radfahrer auf sich aufmerksam zu machen. Ab Juli 2021 gilt dies für alle neu zugelassenen E-Autos. Schon seit einigen Jahren haben Hersteller entsprechende Soundmodule im Programm, mal mit futuristisch anmutendem Klang beim Fahren, mal mit eindringlichem Piepen beim Rückwärtsrangieren. Die Entwicklung ist fortgeschritten und läuft weiter auf Hochtouren. Daher ist davon auszugehen, dass mit Inkrafttreten der EU-Verordnung die Hersteller ihren Verpflichtungen nachkommen werden. Zumal es das Sounddesign den Marken ermöglicht, sich mit einer individuellen Klang-DNA vom Wettbewerb abzugrenzen.

In Europa sollen die Geräusche bis zu einer Geschwindigkeit von 20 km/h auf E-Autos aufmerksam machen, in den USA sind es 30 km/h. Wie bewerten Sie die EU-Vorgabe im Vergleich?
Lärm ist ein anerkannter Stressfaktor. Insofern konterkariert die Forderung nach permanenter Abstrahlung von Klängen den Vorteil geringerer Geräuschentwicklung durch E-Autos. Gleichzeitig geht es der EU darum, eventuelle Gefährdungen schlecht hörender oder unaufmerksamer Menschen durch die leisen Fahrzeuge möglichst auszuschließen. Die Grenze von 20 km/h erscheint dafür als Kompromiss sinnvoll, da bei höheren Geschwindigkeiten die Abrollgeräusche der Reifen und die sonstigen Fahrgeräusche bereits ausreichend wahrnehmbar sind. Sie übertönen dann sogar die Verbrennungsmotoren. Eine Ausweitung der Spanne würde keinen zusätzlichen Vorteil bringen. Im Gegenteil: Die synthetischen Klänge müssten dann laut genug werden, um auch bei 30 km/h noch hörbar zu sein.

Die Geräusche sollen mit denen eines Verbrennungsmotors vergleichbar sein, sind aber nicht näher spezifiziert. Droht die große Kakophonie auf der Straße?
Das Lautstärkespektrum liegt zwischen 56 und 75 dB(A). Es ist so spezifiziert, dass abgestrahlte Signale auch bei eingeschränkter Hörfähigkeit wahrgenommen werden können. Eine gewisse Vielfalt haben wir aber heute schon. Ein Porsche klingt anders als ein Audi oder ein Peugeot. Während Fahrer eleganter Limousinen eher Wert auf eine zurückhaltende Geräuschkulisse legen, mögen es Fahrer von Sportwagen lieber kernig. Das wird sich auch auf den Sound der E-Autos übertragen, wenn der Charakter des Fahrzeugs klanglich transportiert werden soll. Vielleicht gibt es Marken-Grundtöne mit modellspezifischen Abwandlungen. Eine typische Klangkulisse wird zum akustischen, zielgruppenorientierten Branding. Wenn sich Sounddesigner um das Klacken von Schaltern oder das Geräusch schließender Türen kümmern, warum sollten sie sich dieses Betätigungsfeld entgehen lassen? Allerdings: Moderne Autos können heute erkennen, ob ein Fußgänger oder Radfahrer in der Nähe ist. Schon gibt es Vorschläge, nur in solchen Situationen Geräusche abzustrahlen und nicht permanent. Auf diese Weise ließe sich die Chance auf weniger Verkehrslärm durch E-Autos nutzen.

Auf den Straßen fahren zunehmend auch andere E-Fahrzeuge. Welche Regeln sollten für E-Mopeds, -Roller etc. gelten?
Es wäre verfrüht, auch diese Fahrzeuge von vornherein zur Geräuschentwicklung zu verpflichten. Alleine durch ihre geringere Gesamtmasse geht von ihnen ein geringeres Gefährdungspotenzial aus als von Pkw. Die sind Hauptunfallgegner von Krafträdern, Pedelecs und Fahrrädern. Pkw-Fahrer würden aber in ihren abgeschirmten Kabinen die kleineren Fahrzeuge kaum besser wahrnehmen, auch wenn diese Klänge abstrahlen. Die Zahl und Art von E-Fahrzeugen wird aber zunehmen, wenn die auf den Weg gebrachte Verordnung über Elektrokleinstfahrzeuge geltendes Recht geworden ist. Dann werden elektrifizierte Tretroller und früher oder später auch Gefährte ohne Lenkstange auf Straßen, Rad- und Gehwegen unterwegs sein. Inwieweit dies zu zusätzlichen Konflikten führen wird und wie diese entschärft werden können, wird man aufmerksam beobachten müssen.